Sinfonische Perlen vom Zuckerhut

Dem Reigen schöner Geister aus Spanien und Brasilien bot der Russe Tschaikowsky Paroli. Und zwar mit seinen „Variationen über ein Rokoko-Thema“ für Violoncello und Orchester, ein schwieriges, aber dankbares Solistenstück, das der Brasilianer Antonio Meneses elegant und souverän meisterte. Von Klaus Ackermann

Während das erstmals in Frankfurts Alter Oper zu erlebende Orquestra Sinfonica do Estado de Sao Paulo in Werkes von Gomes, Ravel, Chabrier und Heitor Villa-Lobos iberisches Klang-Kolorit mit südamerikanischen Rhythmen unterlegte, temperamentvoll eingewiesen von seinem Chefdirigenten Yan Pascal Tortelier.

Den Antonio Carlos Gomes, Brasilianer in Italien, hatte schon Verdi als einen seiner legitimen Nachfolger gelobt. Nun zeigt zwar dessen Oper „Lo Schiavo“ Parallelen zur „Aida“, doch deren Ouvertüre auch Wagner-Nähe. Im satten Streicher-Chroma wie in den massiven Bläser-Ballungen mit zwei aus dem Off tönenden Trompeten. Von den Sao-Paulo-Sinfonikern ebenso zwingend und durchsichtig modelliert wie Ravels Rhapsodie Espagnole.

Rauschhaftes „Feria“-Finale

Die beginnt mit einem Viertöne-Motiv, das in steter Wiederholung die bleierne Hitze eines Sommertags beschwört, um in typisch spanisches Tanz-Kolorit einzutauchen, mit der zentralen Habanera. Doch beim Impressionisten hat der Rhythmus immer etwas Bedrohliches, was der Ravel-erfahrene französische Dirigent beim rauschhaften „Feria“-Finale bis in Fortissimo-Grade steigert – das Abgründige hat köstlich ironische Momente.

Schon hier lässt das Orchester aufhorchen, bei Tschaikowsky ein stilsicherer Begleiter süffigen Violoncello-Tons. Meneses spielt das aparte, einprägsame, an Mozart erinnernde, aber von Tschaikowsky erfundene Thema so delikat, wie er dessen Wandlungen vom Rokoko in romantische Gefilde auf den Punkt bringt.

Der Brasilianer ein Präzensionswunder

In graziösen Figurationen, Arien-mildem Moll und unter hochdramatischen Zugriff beginnt der Ohrwurm ein zauberhaftes Eigenleben. Der im schweizerischen Bern lebende Brasilianer ist ein Präzisionswunder – und spielt dabei, als sei dies alles selbstverständlich, auch in der Zugabe, einem Satz aus einer Solosuite von Johann Sebastian Bach.

Den sinfonischen Perlen folgen orchestrale Pralinées. Wie „Choros Nr. 6“ von Villa-Lobos, einer Spezialität des Landes am Zuckerhut, die Naturlaut alsbald in Samba-Rhythmen einbiegen lässt, garniert von lebhaft synkopierenden Holzbläsern samt Saxofon.

In diesem Kontext unvermeidlich ist Chabriers bis hin zum Schlager vielfach geschändete „Espana“, bei den Orchestervirtuosen freilich ein konzertantes Filetstück. Wie die entfernt an „La Cucaracha“ erinnernde sinfonische Samba-Zugabe, bei der alle ihr Bestes geben – und das war samt der gewissen Dirigiershow von Tortelier allerhand. Der neuen Pro-Arte-Reihe „Sonntags um fünf“ wünscht man mehr Publikum. Qualität ist durchaus vorhanden.

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