Sinfonische Vermächtnisse

Frankfurt - Mozart muss seinen zu frühen Tod mit 35 Jahren geahnt haben. Denn seine letzten drei Sinfonien, im Sommer 1788 in einem Zeitraum von nur sechs Wochen geschrieben, aber sicher schon viel länger im Kopf bewegt, sind von Vermächtnis-Charakter. Von Klaus Ackermann

Vor allem, wenn man diese Göttliches und Menschliches berührend vereinende Musik en suite und so erhaben von Manieren und Manien spielt wie Sir Simon Rattle und das Orchestra of the Age of Enlightenment, Höhepunkt der britischen Woche bei Pro Arte.

Das Zeitalter der Aufklärung hat das aus London stammende Orchester im Namen, seit 1986 auf historischen Instrumenten dem Originalklang auf der Spur. Und man glaubt den erlesenen Spezialisten gern, die da einen warmen, dunklen Bläserklang und im exklusiven Non-Vibrato-Spiel der Streicher hell timbrierte melodische Linien fortentwickeln. Vor allem, weil einer so argumentativ abgeklärt die sinfonische Klangrede exponiert, dass er jeden Parteitag gewinnen könnte.

Souverän, aber nie herrisch

Rattle überrascht schon in der Sinfonie Nr. 39 Es-Dur mit einer betont feierlichen Einleitung („Don Giovanni“ scheint nicht fern), die praktisch für alle drei Werke ausreicht. Souverän, aber nie herrisch entwickelt ein singendes Thema seinen Charme, dem behagliches Melos Paroli bietet, ein Kontrast, der sich durch alle drei Mozart-Werke zieht und auch die zuweilen abrupt wechselnde Dynamik bestimmt. Vor allem aber in den spannenden manchmal sogar ein wenig unheimlichen Übergängen zeigt sich der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker in seinem Element. Der das Menuetto schon mal zum derb-launigen Ländler umkrempelt.

Bloß nicht zu viel des Guten – auch in der großen g-Moll-Sinfonie mit ihrem drängenden Thema und dem schmerzlich resignierenden Durchzug bleibt trotz Leid und Schicksalskampf das klassische Ebenmaß gewahrt. Der Melodiker Mozart ist im feinfühlig die Stimmen sondierenden Andante in seinem Element. Gedanken an Taminos Bildnis-Arie („Zauberflöte“) kommen auf. Und bewusst zelebriert Rattle die geheimnisvollen Modulationen, weit entfernte Tonbereiche miteinander harmonisch verbindend.

Ein Wunderwerk der Mozart-Schöpfung

Scheint Mozart dort ganz persönliche Seiten aufzuschlagen, so ist die Sinfonie Nr. 41 C-Dur mit dem späteren Beinamen Jupiter wieder Inbegriff klassischer Ausgewogenheit, so monumental wie anmutig. Ein dreimaliger Anlauf zum Grundton und zwei melodiöse Thementakte – der reizvolle Gegensatz ist bei Mozart wie bei Rattle Programm – und wirkt auf den klanglich wenig verbindlichen historischen Instrumenten noch ein wenig herber. Keineswegs jedoch im mit Dämpfer bei den Streichern gespielten Andante cantabile, einer Liebesarie voll betörender Süße. Das Menuetto hat tänzerischen Sog, das Finale ist klanglich wie formal ein Wunderwerk der Mozart-Schöpfung. Mit Fugen-Bekräftigung, dabei so locker und leicht absolviert, als sei es das selbstverständlichste auf der Welt. Einmal mehr fragt man sich, was Mozart geschrieben hätte, wenn ihm mehr Lebenszeit vergönnt gewesen wäre?!

Rubriklistenbild: © Fabian Voswinkel/pixelio

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