Mariss Jansons mit dem BR-Sinfonieorchester in der Alter Oper

Sinfonischer Intensivkurs

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Alte Oper in Frankfurt

Frankfurt - Die Alte Oper scheint er zu lieben. Erst kürzlich mit dem Concertgebouworkest zu Gast in Frankfurt, stellte Mariss Jansons jetzt das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks vor, das er seit 2003 als Chefdirigent prägt. Von Klaus Ackermann 

Einmal mehr reizte er die Akustik des Hohen Hauses mit der dafür prädestinierten Symphonie Fantastique von Hector Berlioz voll aus. Seinen sinfonischen Intensivkurs bereicherte zudem Mitsuko Uchida mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 4, große Dame der Tastenkunst, deren poesievolles Spiel schier den Atem raubte.

Purer Samt scheint die Klavierhammer zu ummanteln bei den Eingangstakten zum G-Dur-Konzert von Beethoven, dessen solo vorgetragenes Hauptthema das herrische Klopfmotiv der Sinfonie Nr. 5 sanft bettet. Schon hier offenbart Uchida ihre feine Dynamisierungskunst, die zwischen leise und sehr leise noch Nuancen kennt. Doch der Glöckchen-Zauber am Klavier entwickelt sich auch zum großen Glockenton, Ziel hochdramatischer Aufgänge, ein Fixativ im Pedal-Nebel. Subtilen Klangsinn und gestalterische Besonnenheit kennzeichnen ihren permanenten Dialog mit dem Orchester. Das im Andante con moto mit schroff wirkenden, rhythmisch markanten Rezitativ-artigen Passagen sich dem schier träumerischen Klaviergesang entgegenstemmt, der allmählich die Oberhand gewinnt.

Erlebnisreiches Rondo

Spannend dann der Übergang zum erlebnisreichen Rondo, voll tänzerischer Eleganz und gezügelter Virtuosität, die noch die fantasievollen Kadenzen befeuert hatte. Selten war der Jubel in letzter Zeit so heftig wie um die grazile und dennoch emotional so starke Japanerin. Die bedankt sich mit artistischen Verbeugungen - und dem langsamen Satz aus Mozarts G-Dur-Sonate KV 330.

Immer wieder erstaunlich, was der Franzose Berlioz schon 1830, als Beethoven gerade mal drei Jahre tot war, für ein machtvolles Orchester mobilisierte, die Spätromantik vorwegnehmend. Für ein Künstlerleben, besessen von einer hoffnungslosen Liebe, die der Mann im Traum ermordet, den Gang zur Hinrichtung durchlebt und im Hexensabbat zur Hölle fährt. Als Leitmotiv, keineswegs eine Erfindung von Richard Wagner, ist diese ferne Geliebte in allen fünf Sätzen präsent. Eine Vision, die Jansons zum grellen, modernistisch anmutenden Alptraum macht, indem er das klanglich Beschönigende allenfalls in Walzer-seliger Erinnerung zulässt.

Da kündigt drohender Paukendonner aus dem Seiten-Off das Unheil an, das Liebesmotiv wird von der Klarinette regelrecht zerfetzt, während die Streicher sich in seltsam hohlen Tönen ergehen, die Totenglocke vom hohen Rang ertönt und final Satanisten das „Dies irae“ anstimmen. Das ist so schaurig schön und klanglich echt, wie dies nur ein Mariss Jansons kann. Der lässt seinen famosen Konzertmeister sogar noch nachsitzen. Mit dem teuflisch schweren Czardas aus Ligetis Concerto Romanesc.

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