Sinfonisches mit Bajan

Frankfurt - Zumindest hierzulande hat das Bajan noch Exoten-Status. So ist das Konzert fürs russische Knopfakkordeon der in Hamburg lebenden Sofia Gubaidulina auch ein Brückenschlag in ihre alte Heimat. Von Klaus Ackermann

Gewidmet hat es die Russin dem Norweger Geir Draugsvoll, der beim Auftritt des London Symphony Orchestra einmal mehr dem volkstümlichen Instrument zu sinfonischer Reife verhalf. Für einen rein russischen Abend hatte Valery Gergiev mit Prokofjew und Tschaikowsky vorgesorgt, wobei der Chefdirigent das hohe Potenzial des Spitzenorchesters nicht voll ausreizte.

Fachwerk für Bajan, Schlagzeug und Streichorchester nennt Gubaidulina ihr Opus, begeistert von einer Architektur, „die konstruktive Elemente zu einem ästhetischen Phänomen werden lässt“. Und weil das russische Akkordeon nicht gerade reich an Obertönen ist, umrahmt das Solo- und Leitinstrument ein bunter Strauß an ungewöhnlichen Klangfarben. Dass auf der linken Seite des Bajans per Convertor statt der üblichen Begleitung auch Bass-Melodien gespielt werden können, hat Gubaidulina zu weiterer klanglicher Chemie inspiriert.

Zudem strahlt auch dieses Werk eine tiefe Gläubigkeit ab. Schon die schwerblütigen Eingangsakkorde, sich orchestral in Glissandi verflüchtigend, erinnern an Orgelklang. Sirenenartige Streichertöne, garniert von virtuoser Bewegung auf dem Bajan, erstellen ein Dies-Irae-Szenario, das in hoffnungsvollen Glockenklang mündet. Es scheint, als sei die elektronische Musik von Orchesterinstrumenten erzeugt. Mit dem Bajan, das in diffizilen Kadenzen Stimmungswechsel vorgibt und von Draugsvoll hingebungsvoll gespielt wird. Bemängeln kann man allenfalls die Überlänge dieses Reprisen-reichen Konzerts, dessen tonale Vielfalt beim erstmaligen Hören überwältigt.

Vorausgeht ein moderner Klassiker, der es zur TV-Erkennungsmelodie brachte. Mit den Geistern, die Prokofjew in seiner „Symphonie classique“ bei Haydn und Mozart rief und durch die Tonarten jagte, was mit köstlichen parodistischen Momenten einhergeht, sind die locker aufspielenden Briten auf Du und Du. Eine Arie, die klingt als habe Haydn nicht in London, sondern in Moskau gastiert. Eine Gavotte zum Mitsingen, deshalb gern als Zugabe genutzt, und ein Geschwind-Finale mit Brillanz und zwingender Geläufigkeit. Nur ein Quentchen dieser Leichtigkeit hätte Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5 e-Moll gut getan, wenn auch hier das Schicksals-Moll spät im Dur-Jubel überwunden wird. Trotz feinen Klarinetten-Tons, expressiver Horn-Soli und starker Blech-Ballungen. Eher exemplarisch als emotional, bekennerhaft kam Gergievs Tschaikowsky rüber. Zu wenig für ein Orchester dieser Klasse.

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