Sinfonisches wie Samt und Seide

Es gibt gottlob nur die gute Nachricht: Pianist Murray Perahia hat seine langwierige Entzündung des rechten Daumens nach dem Schnitt an einer scharfen Papierkante endgültig überwunden. Von Klaus Ackermann

Diesen Schluss lässt zumindest sein Auftritt als Pianist und Dirigent der Academy Of St. Martin In The Fields in Frankfurts ausverkaufter Alter Oper zu, bei dem er gleich in zwei Klavierkonzerten von Mozart und Johann Sebastian Bach alten Pianier-Glanz abstrahlte. Dass der New Yorker auch als Dirigent ein untrügliches stilistisches Gespür einbringt, zeigte die druckvoll-zügig gestaltete Prager Sinfonie.

Die viel gepriesene britische Academy kommt locker ohne Dirigent aus. So intensiv ist das per Blickkontakt der ersten Streicher-Pulte mit Konzertmeister Kenneth Sillito rückversicherte Zusammenspiel des Ensembles, schon immer abseits der Errungenschaften historischer Klangforschung seine individuelle Note bezeugend. In der zweisätzigen Sinfonia Concertante Es-Dur des Bach-Sohns Johann Christian besticht zudem die Harmonie des Orchesters mit den neun Solisten aus eigenen Reihen, die anmutige Streicher-, Oboen- und Horn-Akzente setzen. In einem virtuos anspruchsvollem Werk, auf dessen Serenadencharakter der Untertitel „Notturno“ hinweist.

Auf den jungen Mozart übte der „Londoner Bach“ nicht geringen Einfluss aus, abhörbar im elegant flüssigen Konzert für Klavier und Orchester Nr. 17 G-Dur KV 453, das der vom Klavier aus Impulse versendende Murray Perahia mit delikatem Anschlag, unbedingter Genauigkeit und intimer Klangkultur zur Perle veredelt. Zumal bei den anschmiegsamen wie auch dynamische Entwicklungen präzise vorgebenden britischen „All Stars“ die bei Personalunion von Dirigent und Solist oft gefährdete Klangbalance keine Wünsche offen lässt.

Der verletzte Daumen ist schnell vergessen

Ein Mozart voller Wohlbehagen, dessen finaler Ohrwurm die Spielfreude einer weiteren solistischen Lustbarkeit vorwegnimmt. Das Konzert für Cembalo und Streicher C-Dur wird mancher ein wenig anders im Ohr haben. Denn Johann Sebastian Bach hat hier sein berühmtes Violinkonzert D-Dur fürs barocke Tasten-Zupfinstrument umgearbeitet, von Perahia zudem auf dem klanglich ergiebigeren Flügel gespielt. Und zwar so entspannt fröhlich, mit rhythmischem Drive, Kraft und Geläufigkeit, dass man den verletzten Daumen schnell vergisst. Bei all den Geschwindpassagen bleibt kaum Zeit für Dirigierzeichen, doch genügt schon ein aufmunternder Blick.

Sorgfältig dann Perahias Dirigat in Mozarts Prager Sinfonie Nr. 38 D-Dur, deren angelegentlich auch düstere Wendungen die Nähe zum „Don Giovanni“ aufzeigen. Künden dramatische Bläser-Einschübe vom Ernst des Lebens, so ist das an ein „Figaro“-Duett gemahnende finale Presto im straffen Karajan-Tempo wieder ein Beweis der Schaffensfreude – vom Komponisten, vom Orchester und vor allem von Perahia, der nicht ohne Ironie noch Haydns Finale der „Oxford“-Sinfonie nachsendet: Möge er bald wieder in den Konzert-Ring steigen!

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