Sinnlich-reiner Mahler-Klang

Oestrich-Winkel/Geisenheim „Bei dir sitzen die Tränen des Publikums lockerer als bei anderen Sängern.“ Sagt Dieter Borchmeyer über Christian Gerhaher. Der sich selbst im Understatement übt: „Für mich passt das mit dem Singen“, kontert der Bariton lapidar. Von Axel Zibulski

Er duzt sich mit Borchmeyer, dem emeritierten Heidelberger Professor. Beide kennen sich lange, in der Kelterhalle am Oestricher Sitz des Rheingau Musik Festivals sind sie sich nun einmal mehr, vor Publikum, begegnet. Borchmeyer ist auch Gesprächs- wie Streitpartner. Und ein wenig gibt er auch den Laudator, so wie vor zwei Jahren, als der Bariton den Rheingau Musikpreis erhielt. Einen „Star für Kenner“ nannte Borchmeyer Gerhaher nun, der seinerseits begründete, warum er genau auswählt, was er singt. Oper nur, wenn sie genau zur Stimme passt. Lieder am liebsten von Schubert, Schumann, Mahler.

Ausschließlich Gustav Mahler erklang beim Konzert mit Pianist Gerold Huber tags darauf in Schloss Johannisberg, die „Lieder eines fahrenden Gesellen“, die „Kindertotenlieder“ nach Friedrich Rückert, eine Auswahl der Vertonungen aus „Des Knaben Wunderhorn“. Gerhahers und Hubers Festival-Beitrag zum 100. Todestag Mahlers war ein herausragender, bei aller Einsamkeit, Trauer und Wut, die Gerhaher bereits aus den „Gesellen“-Liedern dringen ließ. „Wenn mein Schatz Hochzeit macht“: Schon im ersten Lied des Zyklus ließ Gerhaher den sinnlich-reinen Klang seiner Kopfstimme ergreifend strömen, nicht um seiner selbst, sondern um des Ausdrucks willen. Ein Klang, der freilich brechen kann, im „Lied des Verfolgten im Turm“ aus den Wunderhorn-Liedern etwa, der von der Freiheit seiner Gedanken nur noch trotzig zu singen weiß.

Seit ihrer Studienzeit arbeiten Gerhaher und Huber zusammen, und so ist ihre Symbiose kaum zu übertreffen, nicht nur im absolut synchronen Staccatieren der äußerlich naiven Kuckucks-Rufe im Lied „Um schlimme Kinder artig zu machen“. Gerold Huber kommentiert, ergänzt, dominiert sogar, wenn nötig. Das „Oszillieren zwischen Text und Musik“, das Gerhaher im Gespräch als typisch für Mahler ausgemacht hatte, erweiterte sich so auf das Verhältnis der beiden Künstler. Und dass man sich, so Gerhaher, mit einem Werk „nicht immer voll identifizieren“ muss, ist für die Interpretation der so grausamen „Kindertotenlieder“ unerlässlich. Gerhaher erzählte sie, in Distanz umso einschneidender, ergreifender deklamierend, bevor er mit der Zugabe, Mahlers „Urlicht“, eine nur schlaglichtartige Aufhellung gewährte.

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