Skandal um TV-Show mit Asylbewerbern

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In der TV-Show “Weg van Nederland“ bekommen “fünf abgelehnte Asylbewerber die Chance, ihre Kenntnisse über die Niederlande unter Beweis zu stellen und damit einen Koffer voll Geld zu verdienen“.

Amsterdam - Als “Schändlich!“ und “Geschmacklos!“ beschimpften User im Internet ein Fernsehsender in Holland. Jetzt kam auch noch heraus, dass die skandalöse TV-Show mit Asylbewerbern kein Bluff war.

Der TV-Sender VPRO hat mit einer neuartigen Quizsendung Aufsehen erregt: In “Weg van Nederland“ (etwa: “Raus aus den Niederlanden“) bekommen “fünf abgelehnte Asylbewerber die Chance, ihre Kenntnisse über die Niederlande unter Beweis zu stellen und damit einen Koffer voll Geld zu verdienen“.

Das sei, so schreibt VPRO auf seiner Website, “ein nettes Nebeneinkommen für jemanden, den schon in kurzer Zeit die Niederlande verlassen muss“. Der Geldkoffer ist freilich nicht gerade riesig: 4000 Euro verspricht der Sender dem Sieger - “für einen Neuanfang im Land seiner Herkunft“. Dass Asylbewerber nach jahrelangem Ringen um Bleiberecht viel “über unser Land, die niederländische Sprache und die niederländische Kultur wissen“, mache sie zu interessanten Quiz-Kandidaten.

Allein die Vorstellung verschafft so manchem eine Gänsehaut: Da sollen fünf Menschen, die eigentlich nichts lieber wollen, als sich im sicheren und sauberen Oranje-Königreich eine neue Existenz aufzubauen, gegeneinander kämpfen und dafür Fragen nach dem Königshaus, zu Kunst, Geschichte und Geografie der Niederlande beantworten. Des Landes, das sie angeblich in Kürze und notfalls mit Polizeigewalt rausschmeißt.

Wie Moderator Waldemar Torenstra in einem Werbespot für “Weg van Nederland“ verkündet, können auch Zuschauer mitspielen, die als Landesbürger keine Abschiebung zu befürchten haben. Ihnen winkt als Hauptpreis eine Badereise in die Karibik. Nein, so viel Zynismus kann einfach nicht ernst gemeint sein.

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Und doch: Die Show sei keineswegs als Bluff angelegt gewesen, sagte der Produzent Hans de Kleine Donnerstagabend nach der Ausstrahlung von “Weg van Nederland“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm Nederland 3. Die Quiz-Kandidaten seien keine Schauspieler, sondern Menschen, die zwischen neun und 13 Jahren in den Niederlanden gelebt haben. Sie seien einst mit ihren Eltern nach Holland gekommen, wo ihre Asylanträge inzwischen nach langwierigen Verfahren in letzter Instanz abgelehnt worden seien.

“Wir zeigen, um was für Menschen es dabei geht und was es für eine Sünde es ist, sie ziehen zu lassen“, erklärte Frank Wiering, Chefredakteur des TV-Senders VPRO, bei dem die Sendung produziert wurde. “Weg van Nederland“ sei immerhin “eine Möglichkeit, abgelehnten Asylbewerbern ein Gesicht zu geben“, sagt Roek Lips, Sendeleiter beim Kanal Nederland 3, auf dem die VPRO-Sendung laufen wird. “Bei TV Lab geht es natürlich darum, Grenzen auszuloten.“

Die “Kandidaten“ sind laut VPRO “gebildete“ Leute - unter ihnen einen Studentin der Luftfahrttechnik, die in Kürze zurück nach Kamerun müsse, und ein Student slawischer Sprachen, der demnächst in seine Heimat Tschetschenien abgeschoben werde.

Die Debatten um die Sendung erinnern viele an die Aufregung um eine Organspende-Show beim kommerziellen Sender BNN vor fünf Jahren. Der hatte angekündigt, dass in “De Grote Donorshow“ Kandidaten, die eine neue Niere brauchen, um das Spenderorgan einer jungen unheilbar kranken Frau kämpfen würden. Am Ende wurde die “Show“ als Bluff entlarvt. Man habe nur auf das Problem des Mangels an Spenderorganen aufmerksam machen wollen, erklärte BNN. Immerhin ließen sich seinerzeit viele Niederländer als potenzielle Organspender registrieren. Wie die Reaktionen nach der Ausstrahlung von “Weg van Nederland“ ausfallen, ist ungewiss.

Völlig neu ist die Idee freilich ohnehin nicht. So mancher, der auf die VPRO-Ankündigung reagierte, verwies auf den vor einem Jahr gestorbenen deutschen Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief. Er hatte im Jahr 2000 bei den Wiener Festwochen mit seinem Filmprojekt “Ausländer raus! Schlingensiefs Container“ für Aufsehen gesorgt. Um auf die weit verbreitete Fremdenfeindlichkeit im Westen hinzuweisen, wählte er das Modell der Voyeur-Show “Big Brother“. In seinem Container agierten Asylbewerber als Kandidaten, die vom Publikum rausgewählt werden konnten - und zwar nicht bloß aus dem “Big Brother“-Haus, sondern gleich aus dem Land.

dpa

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