Mit slawischer Saiten-Seele

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Streicherfestival in Seligenstadt endet

Beim Finale des Seligenstädter Streicherfestivals erwies das Kaprálová-Quartett seiner Namenspatronin Reverenz. Die 1915 in Brünn geborene, unter anderem am Prager Konservatorium ausgebildete Vítêszlava Kaprálová studierte in Paris bei Charles Münch und Bohuslav Martinu. Von Eva Schumann

Ihr Werk umfasst Lieder, Kammer- und Orchestermusik und hatte international Erfolg. Doch sie starb mit 25 Jahren in Montpellier, wohin sie vor der Okkupation Frankreichs im Zweiten Weltkrieg ausgewichen war.

Das Streichquartett op. 8 aus ihrer Prager Studienzeit 1935/36 gilt als erstes reifes Werk. Kleingliedrig, mährischer Melodik und Idiomatik verpflichtet, wirkte es spritzig und farbig. Auf den graziösen Kopfsatz, von kraftvollen Unisoni umrahmt, folgte anrührend ein lamentoartiges Lento. Rhythmisch besonders reizvoll geriet die tänzerische Variationenfolge des Finales. Das Quartett widmete diesem Standardwerk seines Repertoires große Präzision, Wärme und Intensität. Stück und Interpretation nahm das Publikum im Kreuzgang der ehemaligen Benediktinerabtei mit viel Beifall auf.

Das Henschel-Quartett als Gastgeber blieb im zeitlichen und örtlichen Rahmen und wählte Erwin Schulhoffs erstes Streichquartett, 1924 in Prag entstanden. Wie die Satzbezeichnung „con malinconia grotesca“ verrät, nimmt es sich selbst nicht zu ernst. Schulhoff komponierte spielerisch und experimentierfreudig. Mit aggressiver Motorik, abrupten Schlüssen, raffinierten Schattierungen und Verzerrungen scheute er keine bizarren Extreme. Das „Allegro giocoso alla Slovacca“ greift auf Folklore zurück. Die Henschels, bei denen wieder Alexander Butz den erkrankten Markus Henschel vertrat, tummelte sich souverän im Vielerlei der Stricharten und Rhythmen.

Volkstümlich geriet Anton Dvoráks A-Dur-Streichsextett. Zu den Henschels gesellten sich Geigerin Simona Hurniková und Cellistin Simona Hecová, Butz wechselte zur Bratsche. Nachdem das Ensemble anfangs nicht im Tritt schien, fesselte es mit frischer Interpretation in feiner Balance zwischen Zurückhaltung und Temperament, Behutsamkeit und Feuer.

Bei Dimitri Schostakowitschs Präludium und Scherzo für Streichoktett, ebenfalls 1924 entstanden, vereinigten sich die Quartette. Christoph Henschel überließ Veronika Panachová ritterlich die Führung. Das Präludium, teils Reverenz an Bach, teils Totenklage für einen Freund, erklang transparent, kraftvoll und anrührend. Von den Schlägen der Turmuhr abgesehen, verlief es ungestört.

Allerdings stand es in Abänderung des Programms am Ende und war so von einer Panne betroffen: Im Scherzo fielen die Scheinwerfer aus. Die Interpreten gaben nach einigen Takten den Versuch auf, den Satz auswendig zu beenden, und ertrugen die Dunkelheit ebenso mit Fassung wie das Publikum. Doch es ward Licht, das Scherzo bekam seinen Auftritt. Sogar eine dritte Chance wurde ihm gewährt – als das Henschel-Quartett und seine Gäste für den Beifallssturm dankten!

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