Pianist Michael Korstick im Rheingau

Spätentwickler imposant und mit Geschmack

Vor einigen Jahren hat sich Michael Korstick den Ruf erspielt, der reifste unter den frisch entdeckten Pianisten zu sein. Lange hat der 1955 in Köln geborene Künstler mit seiner ersten CD-Einspielung gewartet; seinen ersten Klavierabend im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt gab er erst vergangene Saison.  Von Axel Zibulski

Jetzt debütierte Korstick beim Rheingau Musik Festival mit einem stilistisch weit gefächerten Programm. Auf Schloss Johannisberg spielte er Werke Franz Liszts, Franz Schuberts, des französischen Klang-Exzentrikers Charles Koechlin sowie des Russen Sergej Prokofjew.

Demonstrativ verzeichnet Korsticks Lebenslauf ein Konzert, das er 1976 in New York gab, mit Ludwig van Beethovens knapp einstündigen Diabelli-Variationen und der kaum konziseren Hammerklavier-Sonate. Das Komplexe bis Sperrige zu suchen – auch damit mag Korstick heute eine gewisse Unzeitgemäßheit bewusst pflegen. Und bereits seine Eröffnung im Fürst-von-Metternich-Saal mit den „Funérailles“ aus Liszts Zyklus „Harmonies poétiques et religieuses“ war in ihrer Grabesstimmung alles andere als pianistisch leichte Kost, von Korstick zudem intensiver bis machtvoller Bass-Arbeit zudem treffend dunkel koloriert. Dabei ging er sogar so weit, passagenweise die Entfaltung der Melodien von diesen Bass-Klangräumen überlagern zu lassen – eine Geschmackssacke, aber gewiss eine imposante.

Nicht immer ganz frei von klavieristischen Tippfehlern

Für seine CD-Einspielung von Schuberts letzter Klaviersonate B-Dur D 960 erhielt Korstick 2005 den Echo-Klassikpreis. In Johannisberg knüpfte er mit den dräuenden Bass-Trillern im ersten Satz durchaus sinnvoll an Liszt an. Dieser „molto moderato“ zu spielende Kopfsatz war an musikalischem Stillstand kaum zu übertreffen; so breit und doch unnachgiebig kostete Korstick Schuberts langsames Grundtempo aus, ließ selbst in der Wiederholung der ausgedehnten Exposition kaum agogische Variationen zu. Das war gewiss gut gedacht, leider nicht immer ganz frei von klavieristischen Tippfehlern, aber eben auch enorm statisch bis weiträumig. Selbst das Scherzo, der dritte der von Korstick fast pausenlos aneinandergefügten Sätze, sollte bei ihm weniger Auflösung ins Tänzerische bedeuten als eine Vorstufe zur fiebrigen Unruhe des Finales.

Ein klangsinnlicher Ruhepol in diesem umfangreichen Programm waren im zweiten Konzertteil die knapp fünf Minuten dauernden Farbspiele von Koechlins gegen Ende des 19. Jahrhunderts geradezu visionär entstandenem Klavierstück „Au loin“ op. 20, wiederum sinnvoll gekoppelt mit der langsamen Eröffnung von Sergej Prokofjews achter Klaviersonate B-Dur op. 84. Anhand von deren rauschhaft virtuoser Motorik im Finale konnte Korstick nicht zuletzt seine exzellente Technik demonstrieren.

Vier Stücke umfasste der Zugabenteil, darunter Werke von Heitor Villa-Lobos und Domenico Scarlatti.

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