Spanien durch Franzosenbrille

Sie 19, er 22: Auf Jugend setzte das hr-Sinfonieorchester beim Debüt-Konzert im Frankfurter Sendesaal. Feurig klang Maurice Ravels „Alborada del gracioso“, das der 1986 in Nizza geborene Dirigent Lionel Bringuier dirigierte, mit Lust am Reißerischen im spanischen Kolorit, aber exakt in der Ausdeutung der komplexen Rhythmik.

Spanien durch die französische Brille gesehen: Darin ähnelt Ravels von ihm orchestriertes „Morgenlied“-Klavierstück der Symphonie espagnole, dem einzigen Werk des Romantikers Édouard Lalo, das vereinzelt im Konzertsaal zu hören ist. Die fünf knappen, suitenartigen Sätze sind eher Stimmungs-Schlaglichter, bestens unterhaltend, nie weitschweifig. Die 19 Jahre alte Moskauer Geigerin Alexandra Soumm spielte den Solopart mit dunkel-glühendem Grundton, zurückgezogener Beiläufigkeit, wo Lalo es im sinfonischen Konzert verlangt, aber mit gefühlvollen Akzenten: Der an vierter Stelle stehende langsame Satz erklang mit tonschön starker, legatoreicher Mittellage. Die virtuosen Effekte des Finales band Soumm unaufdringlich in den melodischen Fluss ein. Ihr gefeierter Auftritt blieb ohne Zugabe.

Dafür ermöglichte Dirigent Bringuier im zweiten Teil die Bekanntschaft mit einer der Preziosen des französischen Repertoires. Florent Schmitts 1907 entstandene Ballettsuite „La tragédie de Salomé“ ist weniger von der zwei Jahre älteren Seelenstudie der Herodes-Tochter in der Richard-Strauss-Oper beeinflusst, sondern von Claude Debussy, dessen sinfonische Skizzen „La mer“ fast wörtlich grüßen. Und doch ist es ein eigenständiges, eigenartiges Werk, das Bringuier mit den hr-Sinfonikern vorzüglich als schillerndes Farbspiel, als sinnliche Musik um der Musik willen präsentierte.

Umso deftiger wirkte danach Franz Liszts erster „Mephisto-Walzer“: Dieser „Tanz in der Dorfschänke“ klang dramatisch so messerscharf exakt, wie das detailfreudige Dirigat des jungen Franzosen aussah, der nicht nur sich selbst empfahl, sondern auf spannende Werke des französischen Repertoires aufmerksam machte. AXEL ZIBULSKI

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