Bratsch gastierte bei den Dreieichenhainer Burgfestspielen

Im Spannungsfeld von Tradition und Moderne

Bratsch sind beinahe so dauerhaft wie die Stones.Foto_ Sauda

Bratsch sind inzwischen so etwas wie die Rolling Stones der europäischen Folklore. Gegründet wurde die in Paris ansässige Band 1976 von dem Gitarristen Dan Gharibian und dem Geiger Bruno Girard, die heutige Besetzung des Quintetts spielt seit 1986 zusammen. Gleich den Rolling Stones machen Bratsch immer weiter. Sie erfinden sich keineswegs immer wieder neu, gleichwohl wirken sie noch immer frisch.

„Plein du Monde“, so lautet der Titel des jüngsten, auf das Jahr 2007 zurückgehenden Albums: Gesättigt mit dem Gehalt der Welt, zumindest der zentraleuropäischen Welt, ist die Musik von Bratsch. Sie nomadisieren zwischen Zigeunerswing und französischem Chanson, Klezmer und jiddischen Lied, rumänischen Tänzen und griechischem Rombetiko. Dann wieder schweigen plötzlich fast alle Instrumente und alle Musiker formieren sich zum Obertonensemble.

Auf jedem der musikalischen Gefilde, die sie in der Dreieichenhainer Burg durchstreifen, erscheinen Bratsch absolut trittsicher. Eine falsche Authentizität streben sie allerdings nicht an. Schließlich ist keiner von ihnen – neben den schon genannten der Akkordeonist Francois Castiello und Pierre Jasquet am Bass – Roma, Jude oder Rumäne. Bei genauer Betrachtung handelt es sich noch nicht einmal um Folkloremusiker. In den Achtziger Jahren standen Bratsch in Frankreich im Umfeld der Folklore imaginaire, einer Bewegung, die sich aus dem Jazz heraus volksmusikalische Traditionen anverwandelte.

Ganz in diesem Sinne geht es bei Bratsch nicht um den Versuch einer Kolonialisierung von musikalischen Kulturen. Noch immer sind Bratsch im Kern Jazzmusiker, die im Geist der Improvisation, die ja auch eines der Merkmale der Volksmusik ist, Anschluss an die Folklore gefunden haben. Unvermutetes Sperrgut, wie Clusterklänge auf dem Akkordeon, sprengen immer wieder den Rahmen der traditionellen Musik. Die Spannung zwischen Tradition und Moderne ist es, die das Spezifikum von Bratsch ausmacht. Diese Musik altert nicht, mögen auch die Musiker inzwischen ergraut sein.

STEFAN MICHALZIK

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare