Spielfreude überwältigte

Das inspirierte Spiel dieser Organistin hat alles – atemberaubende Präzision und große Transparenz, ausgeprägte Musikalität und Reichtum der Registrierung, hohes Einfühlungsvermögen und perfekte Ausgewogenheit im Ausdruck. Von Reinhold Gries

Das alles warf Claudia Regel bei ihrem letzten Solo als Offenbacher Kirchenmusikerin in der Markuskirche in die Waagschale. Um Ähnliches zu hören, müssen die Zuhörer ab Juli an Regels neuen Arbeitsplatz in Lauterbachs Stadtkirche fahren.

Der berauschende Abschied des Ausnahmetalents auf der großartigen, renovierungsbedürftigen Bornefeld-Orgel führte durch drei Jahrhunderte. In Dietrich Buxtehudes Toccata F-Dur zündete Regel ein Feuerwerk der Ideen und Charaktere: Gebrochene Akkorde, Echostellen und Läufe mündeten in einen fünfstimmigen Satz und zwei Fugen mit herrlicher Schlusskadenz. Erstaunlich, wie Regel solch verschiedene Farben aus nur 30 Registern zauberte.

Auch bei der festlichen „Deuxième Suite“ des Pariser Barockorganisten Jean Adam Guilain Freinsberg. Dem Prélude ließ sie wärmste Töne folgen, um in der „Basse de trompette“ elegant zwischen Flötenwerk und Spanischen Trompeten zu springen. Samtigem „Trio de flûtes“ folgte ein großflächiger „Dialogue“.

In Bachs Adagio und Allegro aus der Triosonate Es-Dur drang Regel in verschiedene Ausdruckssphären vor. Wie selbstverständlich bereicherte sie diffizile Durchführungen der Oberstimmen mit filigranen Verzierungen und behielt in Liedform wie fugierter Gigue den Durchblick – Bach in Vollendung. Da geriet Mozarts Andante F-Dur zur hübschen Entspannungsübung.

Das Eintauchen in Regels Kunst ging mit Mendelssohn Bartholdys Sonate „Vater unser im Himmelreich“ weiter. Im „Choral mit Variationen“ wechselte der Cantus firmus in den Sopran, wurde dreistimmig verzweigt, akkordisch gebündelt, verselbständigte sich im Pedal, wechselte vierstimmig in den Tenor, verteilte sich atemberaubend auf alle Tasten. Die locker verschobene Fuge des zweiten Satzes und das verinnerlichte Andante des Finales zeugten von Meisterschaft.

Von romantischen Klangwelten sprang die Virtuosin zu gemäßigter Moderne. Aus Langlais’ „Hommage à Frescobaldi“ stammte die Huldigung an Gregorianik und Polyphonie des „Prélude au Kyrie“, die Regel in bestechend schöner Harmonik zur Melodie des „Kyrie cunctipotens“ fügte. Ebenso großartig Boëllmanns Sätze aus der „Suite gothique“, von kraftvoller Introduktion zu weihevollem Choral übergehend und im Menuett ausschwingend.

Regels überwältigende Spielfreude machte Nicolas Jacques Lemmens „Fanfare“ ebenso zum Ereignis wie die heftigem Beifall folgende Zugabe, Alfred Lefébure-Wélys fetziges „Nachspiel“. Da kann man nur auf weitere Regel-„Nachspiele“ als Gast hoffen.

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