Starke Impressionen

Das zweite Konzert in der Reihe „Jugendabo“ der Alten Oper ragte durch ein Experiment aus dem gewohnten Repertoire heraus. Bildhafte Musikdeutung wurde wörtlich genommen. Dvoraks 9. Sinfonie, die auf Musik von Smetana folgte, hat im Gegensatz zu dessen Vaterland-Zyklus kein Programm. Von Eva Schumann

 Doch regt die Auseinandersetzung des böhmischen Komponisten mit der „Neuen Welt“ zweifellos die Fantasie des Hörers an, und es entstehen Bilder vor dem inneren Auge. Nach intensiver Arbeit mit der Partitur setzte der Fotograf Tobias Melle solche Bilder in visuelle Assoziationsketten um. Sie wurden während der Aufführung live synchronisiert und so dem Spiel der Musiker und dem Verlauf des Stücks angepasst.

In der motivischen Bandbreite von der sensiblen, originellen Detail-Aufnahme zum grandiosen Landschaftsbild und in ihrer Komposition erwies sich Melle als wahrer Sinfoniker. Formale Zusammenhänge wurden zwar nicht 1:1 wiedergegeben; sie traten gegenüber einem Wechsel der Stimmungen in der Hintergrund. Doch waren Leitmotive wie das Wasser zu erkennen, und es regierte der zyklische Bau des Musikstücks. Im Kopfsatz wurde das Publikum vom Ozean her durch Landschaften des Ostens bis zu den Rocky Mountains geführt. Das Largo, musikalisch inspiriert von H.W. Longfellows Hiawatha-Epos, zeigte die Welt der Indianer, von den Zeugen der Vergangenheit bis hin zu lebendigen Traditionen. Im Scherzo zogen Bilder moderner Städte vorbei, und im Finalsatz endete die Reise bei den spektakulären Landschaften des Westens.

Trotz dem brillanten Spiel der Münchner Symphoniker unter Leitung des spanischen Dirigenten Carlos Dominguez-Nieto übten die Bilder eine übermächtige Wirkung aus. Glücklicherweise lernte man die Gäste schon eingangs bei den Smetana-Stücken als fulminante Interpreten kennen. Die Ouvertüre zur „Verkauften Braut“ nebst Polka, Furiant und Tanz der Komödianten aus der Oper musizierte das Orchester mitreißend, quasi auf der Stuhlkante, bei schnellsten Passagen stets präzise und transparent. Sehr suggestiv und energisch, mit tänzerischen Bewegungen, trieb Dominguez-Nieto seine Truppen zu wahrem Furor an. Nicht weniger rasant, sorgfältig disponiert und dynamisch fein differenziert, erklang auch die „Moldau“. Ein doppelt genussvoller Abend für geübte und ungeübte Hörer unter den Erwachsenen, zugleich vortrefflich geeignet, die Jugend an klassische Musik heranzuführen.

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