Jörg Widmann und Toronto Symphony

Stelldichein der Romantiker

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Klarinettist Jörg Widmann und Dirigent Peter Oundjian im musikalischen Zwiegespräch.

Wiesbaden - Festival-Intendant Michael Herrmann begrüßte das Publikum stolz. Weil das Toronto Symphony Orchestra das Wiesbadener Kurhaus auf seiner aktuellen Europatournee als einzigen deutschen Konzertsaal ansteuerte. Von Axel Zibulski 

Stolz war, bei der Ansage der Zugaben, aber auch Dirigent Peter Oundjian. Weil das kanadische Orchester erstmals nach 17 Jahren wieder in Deutschland gastierte. In den Jahren dazwischen ist viel passiert, es gab Streiks, Lohnkürzungen, fast ein Insolvenzverfahren. Seit der heute 58-jährige Dirigent 2003 die Leitung der Sinfoniker seiner Geburtsstadt übernommen hat, verzeichnet man dort wachsende Publikums- und erfreuliche Bilanzzahlen. Die Verbundenheit zwischen dem Orchester und seinem Chefdirigenten drückte sich freilich nicht nur darin aus, dass Oundjians Name im Programmheft unter den Privatsponsoren der nun zum Rheingau Musik Festival führenden Tournee stand. Auch musikalisch folgte das Orchester uneingeschränkt dem oft bedächtig verweilenden Schönklang-Ideal seines Dirigenten, wie es ganz am Ende, in der rauschhaft-melancholischen Zugabe aus Edward Elgars „Enigma-Variationen“, perfekt passte.

Carl Maria von Webers Ouvertüre zur Oper „Oberon“ dagegen hätte eingangs kerniger, pfiffiger, kompakter ausmusiziert sein müssen. So breit und gediegen spielt das in Zeiten, in denen sich Originalklang-Impulse bei den meisten Traditionsorchestern durchgesetzt haben, kaum noch jemand. Vor allem der Demonstration eines klangvoll-eleganten Spiels schienen am Ende des offiziellen Programms auch Sergej Rachmaninows „Sinfonische Tänze“ op. 45 zu dienen. Letztlich neutralisierte Peter Oundjian in diesem letzten Orchesterwerk Rachmaninows die Zerklüftungen und Selbstzitate, die rhythmischen Kapriolen und Fremdverweise („Dies irae“). Zwischen Webers Früh- und Rachmaninows Spätromantik hatte ein Gegenwarts-Romantiker noch einmal einen ganz großen Auftritt. Der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann gastierte in letztmals als diesjähriger „Composer & Artist in Residence“ des Festivals. In den Kammerkonzerten, die er im Juli in Schloss Johannisberg gegeben hatte, betonte er immer wieder, wie wichtig ihm die Werke Carl Maria von Webers seien. Mit dessen erstem Klarinettenkonzert f-Moll op. 73 beglaubigt er das jetzt musikalisch: Was für eine Reinheit und Geschmeidigkeit des Tons, was für ein tief empfundenes Pianissimo, was für eine schwerelose Gesanglichkeit des Spiels ließ Widmann im Kurhaus hören!

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Der Entmaterialisierung des Klangs in Webers romantischem Konzert stand in Widmanns eigener, 2006 uraufgeführter „Elegie“ für Klarinette und Orchester ein Spiel mit den Möglichkeiten des Klarinettenklangs gegenüber, ob er sich eng und angeraut krümmte, das Orchester in exaltierte Höhen nachzog oder ganz in sich ruhte. Für seinen fesselnden Auftritt hätte Jörg Widmann lediglich ein besser besuchtes Kurhaus verdient gehabt!

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