Katastrophale Rechtschreibung?

"Stern TV": LdS-Thema schlägt hohe Wogen

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Schüler der Neckar-Realschule schreiben während des Unterrichts.

Köln - Bei "Stern TV" entbrannte am Mittwochabend eine spannende Diskussion um das Thema Rechtschreibung. Die Gäste von Steffen Hallaschka sprachen über die umstrittene "Lesen durch Schreiben"-Methode.

Das Thema Rechtschreibung löste am Mittwochabend bei "Stern TV" - und via Twitter unter dem Hashtag #SternTV - eine spannende Diskussion aus. Moderator Steffen Hallaschka hat bei RTL zur Talkrunde rund um das Thema "LdS - Lesen durch Schreiben" eingeladen. Diese Methode wird seit nunmehr 15 Jahren in allen deutschen Grundschulen praktiziert. In den ersten beiden Schuljahren dürfen die Kinder Wörter nach ihrem Gehör schreiben. Helfen sollen dabei sogenannte Anlauttabellen mit Abbildungen von Gegenständen. So wird beispielsweise das SCH durch eine Schere dargestellt - und die Schüler bilden Sätze wie "Die Kinder schpielen in der Schule." Korrigiert werden solche Fehler erst ab der dritten Klasse.

Hier können Sie die "Stern TV"-Sendung vom Mittwoch noch einmal anschauen

Innovativ oder katastrophal - darüber diskutierten Henryk Wichmann, Vater und Jurist, Marlis Tepe, Lehrerin und Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, und Dr. Peter Kruck von der Ruhr-Universität Bochum. Für Wichmann war klar: Falsche Schreibweisen, die zwei Jahre lang nicht verbessert werden, verankern sich in den Köpfen der Kinder. "Wir Eltern haben das auszubügeln, indem wir zu Hause nachsteuern oder Nachhilfe organisieren." Als Beispiel nannte er einen Brief seiner neunjährigen Tochter, der mit den Worten "Liba Fata" begann.

Schüler zu kreativ für die Fibel?

Für eine Lehrerin, die in einem Beitrag bei "Stern TV" zu sehen war, war das kein Grund zur Sorge: "Für uns Erwachsene ist das manchmal schwierig zu lesen. Aber wenn man es laut liest, kriegt man schon heraus, was die Kinder meinen." Unterstützt wurde sie in ihrer Meinung von Marlis Tepe. Die Lehrerin betonte, dass die "LdS"-Methode bestens dafür geeignet sei, die Kinder mit ihren unterschiedlichen Grundlagen, die sie in die Schule mitbringen, individuell zu fördern. Die Schüler seien motivierter und kreativer als früher, bei manchen setze sogar ein regelrechter Schreibfluss ein. "Wir können die Kinder heute nicht mehr mit der Fibel abspeisen", war sich Tepe sicher.

Auf Twitter wurde diese Aussage verhöhnt. Dort waren innerhalb von Minuten Kommentare wie "Kinder heute sind zu kreativ für die fibel...achso!" und "Kreatives Schreiben: Früher: Man erfindet Geschichten. Heute: Man schreibt die Wörter, wie man will" zu lesen. Der User "Detective Eilasor" fragte in die Runde: "Was bringt es, das kreative Schreiben zu fördern, wenn mans hinterher nicht lesen kann?!" Und "G.J. Gebauer" fügte hinzu, dass Deutschland sich damit auf der ganzen Welt lächerlich macht.

Auch "Stern TV"-Gast Henryk Wichmann, war da ganz anderer Meinung. Das Schreiben nach Gehör sei für lernschwache Kinder und Migranten nicht geeignet. Für die unterschiedlichen Fähigkeiten der Schüler tue die Methode gar nichts - im Gegenteil: "Die Lernschere in den Klassen geht noch weiter auseinander." Durch die sprachliche Kreativität würden sich handfeste Fehler einschleichen, die sich nach zwei Jahren nur schwer wieder korrigieren lassen. In diesem Punkt konnte auch Marlis Tepe teilweise zustimmen. Sie wies darauf hin, dass die "LdS"-Methode auf keinen Fall puristisch eingesetzt werden solle. "Ich habe die Wörter immer richtig daneben geschrieben."

Katastrophale Rechtschreibung sogar bei Studenten

Als Universitätsdozent konnte Dr. Peter Kruck den Aspekt der Langzeitfolgen in die Diskussion bei "Stern TV" mit einbringen. Wie ein mitgebrachtes Beispiel zeigte, seien in den Abschlussarbeiten von Lehramtsstudenten zahlreiche Rechtschreibfehler zu finden. Da stelle sich für Kruck sofort die Frage, wie diese angehenden Lehrer ihren Schülern die deutsche Rechtschreibung vermitteln sollen.

Ein kurzer "Stern TV"-Praxistest auf dem Unigelände zeigte, dass viele Studenten an Wörtern wie Delegierte, Koryphäe oder annullieren scheitern. "Für Germanistikstudenten ist das schon peinlich" lautete die ernüchternde Selbsterkenntnis. Laut Kruck sei ein Drittel der Studenten nicht in der Lage, drei Sätze hintereinander fehlerfrei zu schreiben.

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Ob es nun wirklich an der "Lesen durch Schreiben"-Methode liegt oder andere Gründe hat - nicht nur die Marburger Studie scheint die schlechte Entwicklung der Rechtschreibkenntnisse zu bestätigen. Vor 40 Jahren kamen bei Viertklässlern auf 100 Wörter sieben Fehler, im Jahr 2012 waren es hingegen ganze 16.

msa

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