Yuja Wangs Rheingau-Debüt

Strawinsky hat Swing

Geisenheim - Wenn sie im kurzen Roten mit High Heels auf die Bühne stöckelt, geht ein Raunen durch den Fürst-von-Metternich-Saal. Doch da setzt sich kein It-Girl an den Steinway-Flügel - eine ausgebuffte Pianistin hält auf Schloss Johannisberg Hof. Von Klaus Ackermann

Mit Werken von Prokofjew, Chopin und Strawinsky gab die Chinesin Yuja Wang ein fulminantes Debüt beim Rheingau Musik Festival.

Gleichermaßen signalisierte das so zierlich anmutende pianierende Kraftpaket aus Peking einmal mehr, wie die sogenannte Klassik auch zukünftig lebt. Denn schon Olympia verdächtige virtuose Hochleistung atmet hier eine ungemein rhythmische Frische. Kommt Zeit, kommt vielleicht auch jener magische gestalterische Atem.

Chopin, der Klavier-Komponist schlechthin, gerahmt von russischen Errungenschaften: Wie ein heftig aufgezogenes Uhrwerk wirkt die in den USA ausgebildete 26-jährige in der Sonate Nr. 3 a-Moll von Sergej Prokofjew, deren barbarische Wildheit sie in nachhaltigen Präludien-Ton überführt. Da ist Chopin nicht allzu fern, dessen h-Moll-Sonate allemal auch ein Prüfstein für Anschlagskultur darstellt. Trocken geht Wang das an, erkundet die melodiösen Mittelstimmen im leichtfüßigen Scherzo, zieht wie abgezirkelt die Melodiebögen des Largo-Lieds und versteht sich bestens auf die mehr getupften als ertasteten Streicheleinheiten in Chopins Klaviersatz.

Trotz klanglichen Dunkels scheint das Nocturne c-Moll wie kristallin. Und der Ballade Nr. 3 As-Dur liegt eine anmutige Valse zu Grunde, ein Ohrwurm - emotional weitgespannt. Das für den polnischen Franzosen so typische Rubato wirkt hier allerdings noch ein wenig mechanisch - eher inszeniert als empfunden. Frei spielt sich die schon mit der Orchester-Weltklasse vertraute Chinesin bei den Variationen für Klavier op. 41 des russischen Jazzers und Komponisten Nikolai Kapustin (geb. 1937), die von Duke Ellington stammen könnten - und einmal mehr die rhythmische Klasse und technische Perfektion der jungen Klavierfrau unterstreichen. Es swingt wie der Teufel. Auch bei den „Trois mouvements de Pétrouchka“, Strawinskys orchestral und per Ballett geadeltem Hampelmann, der zu enervierendem Leben erweckt wird, was bei der Pianistin weitere ungeahnte Kräfte freisetzt.

Wer meint, dass jetzt die Kategorie „unspielbar“ abgehakt sei, wird noch von einer Carmen-Fantasie (Bizet/Horowitz) angenehm überrascht, erste von drei Zugaben. Und auch die berühmt-berüchtigte Prokofjew-Toccata hat man so unheimlich präzise, so locker swingend selten erlebt, den programmatischen Kreis schließend - mit finalem Chopin-Valse als Betthupferl. Schließlich hat bei Frau Wangs energetischem Spiel der Konzertschlaf keine Chance.

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