Martha Argerich und Lilya Zilberstein konzertant an zwei Klavieren im Rheingau

Streicheleinheit für Amadeus

Da haben sich zwei gesucht und gefunden: Die Argentinierin Martha Argerich und die Russin Lilya Zilberstein zogen in Wiesbaden an zwei Klavieren viele Register der Tastenkunst.

Mal mozärtliche Streicheleinheiten verpassend, mal unverblümt ihren hohen Virtuosenrang ausspielend, verblüffte vor allem ihr perfektes Zusammenspiel. Da wurde auf einer Welle gesendet, was dem gerade in Schwung gekommenen Rheingau Musik Festival einen spektakulären Schub verpasste. Natürlich ist von einer so hochkarätigen konzertanten Verbindung auch immer etwas Neues zu erfahren, ob nun in Sachen Werk oder Gestaltung.

Schon der Auftakt macht neugierig, Mozarts Fantasie f-Moll, „Orgelstück für eine Uhr“ in einer vom Komponisten Feruccio Busoni (1866-1923) bescheiden „Transkription“ genannten Version. Schöpft doch der stilistische Grenzgänger aus dem Material ein kleines Klavierkonzert, ohne Mozart stilistisch Gewalt anzutun. Für die beiden Pianistinnen eher ein Einspielwerk, bei dem einiges im Pedal-Rauch untergeht.

Doch schon in der Sonate für zwei Klaviere D-Dur perlt es nach feiner Salzburger Art. Vor allem in der wundersamen Andante-Arie mit kristallinen Echoeffekten im Diskant und erlesener Anschlagskultur in leisen Passagen, die in ein rotzfrech dargebotenes „alla turca“ mündet. Steigende Spielfreude auch in den Variationen B-Dur auf ein sehnsuchtsvolles Andante-Lied von Robert Schumann, das bei schnell wechselndem klanglichen Charakter sogar mit virtuosem Akkorddonner munter macht.

Da sind die beiden Weltklasse-Pianistinnen ebenso in ihrem Element wie beim Concertino a-Moll für zwei Klaviere des Russen Dmitri Schostakowitsch, dessen punktiertes Motiv als formelhafte Grundstruktur selbst in Passagen nicht verloren geht, die wie eine Träumerei anmuten. Das kulminiert in einem sauschweren Perpetuum, die Zwanzig-Finger-Akrobatik nahezu ironisch auf Distanz bringend, wie man dies von den sinfonischen Scherzi des Russen kennt.

Fast zeitgleich zu den Orchester-Variationen über ein Haydn-Thema, dem Chorale St. Antoni, hat Johannes Brahms eine Fassung für zwei Klaviere erstellt, die im Kurhaus Wiesbaden unter russischem Vorzeichen steht. Weniger in den gestochen scharfen Presto-Passagen oder dem etwas etüdenhaft gespielten Vivace als in dem leichtfüßigen Grazioso (7. Variation), voller Sentiment und klanglichem Parfüm.

Der Russe Sergej Rachmaninow hat seinem Opus 5, der Suite Nr. 1 (Fantaisie-tableaux) g-Moll, literarische Verse vorangestellt, die freilich zu vernachlässigen sind – so deutlich wird ihr Charakter im punktgenauen Spiel der Protagonistinnen. Ob nun wellenförmige Barcarole, eine leidenschaftliche Liebesnacht oder Osterhymnus mit viel russischem Geläut und Gebimmel.

In der Tat ein Kräfte zehrendes Programm – dennoch lassen sich die Tasten-Temperamente Martha Argerich und Lilya Zilberstein nach anhaltendem Publikumsjubel nicht lange bitten: Mit einer von Brahms bearbeiteten russischen Romanze, mit Milhauds rhythmisch fetzigem „Scaramouche“ und einem Rachmaninow-Walzer beweist das Duo, dass es genügend Originalwerke für zwei Klaviere gibt. Und dass man das klangliche Terrain nicht nur pianierenden Geschwistern überlassen sollte ... KLAUS ACKERMANN

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