Stumme Komik der unfreiwilligen Art

Offenbach - Selten sind im Offenbacher Capitol so viele Tränen geflossen – Lachtränen! Wenn Charlie Chaplin mit Spiegeln und Polizisten, Tellern und Tieren kämpft, möchte man aufspringen und brüllen wie das Zirkuspublikum im Film. Von Eva Schumann

Zum dritten Mal war der Tramp in der Capitol Lounge zu sehen, im Stummfilm „Circus“ von 1927. Die Neue Philharmonie Frankfurt spielte Chaplins Musik in der von Timothy Brock rekonstruierten Fassung. Am Pult stand Frank Strobel, ein weltweit renommierter Spezialist. Unter seiner Leitung begleitete das Orchester die Szenen mit Präzision. Marschmusik führte in die Zirkusatmosphäre ein, und mit exakten Tuschs kam das Schlagzeug zum Zug.

Nachdem ein fieser Zirkusdirektor, dessen Tochter und eine Gruppe bedauernswerter Clowns vorgestellt waren, musste der Tramp sich vor Verfolgung retten. Mit spannungsvollem Pizzicato kommentierte das Orchester seine Mühen, aus einem Spiegelkabinett herauszufinden. Im Walzertakt geriet er in den Zirkus und erntete unabsichtlich die Lacher, die den Spaßmachern versagt geblieben waren.

Beim Spaßen auf Kommando gingen Probenummern schief

Dann die Begegnung des Tramps, der sich eine Suppe kochte, und der mit Nahrungsentzug bestraften Reiterin. Geigen umschmeichelten sie, mit ihm korrespondierten Violoncelli, zur Stimmung trug Oboenklang bei. Mit lieblichen Geigensoli trat Konzertmeister Marius Kiesauer hervor, als Cellosolist Philipp Hagemann. Auch andere Stimmführer bekamen Gelegenheit zu eindrucksvollen solistischen Einsätzen.

Beim Spaßen auf Kommando gingen alle Probenummern schief – punktgenau hielt das Orchester den Atem an. Hits waren die unfreiwillig komischen Situationen: Unwiderstehlich zauberte ein Knopfdruck eine Herde Kleinvieh hervor.

Ein anderes Glanzlicht: Charlie in Nachbarschaft mit einem Löwen, im Käfig daneben ein Tiger, draußen ein kläffender Hund. Chaplin mimte das besonders glaubhaft, er agierte wirklich mit Raubtieren. Die Ängste des vergeblich nach Fluchtwegen Suchenden vollzogen die Streicher mit zaghaftem Zupfen nach.

Höhepunkt war die Seiltanz-Sequenz. Aus Liebeskummer riskierte der Tramp sein Leben, indem er sich mit der Nummer des verhassten Rivalen, des „King of the Air“, aufs Hochseil wagte. Nochmals wurden die Lachmuskeln bis zur Erschöpfung strapaziert. Natürlich riss die Sicherheitsleine. Zur Erhöhung des Nervenkitzels belästigte eine Gruppe bösartiger Affen den Seiltänzer, bis er, auf dem Fahrrad das Abfahrtsseil hinab rasend, wider Erwarten wohlbehalten auf sicherem Grund landete.

Ende gut, nicht alles gut: Der Tramp wurde aus dem Zirkus geworfen, die Angebetete lief ihm nach, er verzichtete und stiftete ihre Ehe mit dem Rivalen. Unter Celloklängen schlurfte Charlie einsam davon. Da rollten Tränen der Rührung – danach tobten Beifallsstürme!

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