Jazz im Palmengarten

Süffige Arbeit an der Zukunft des Genres

Das geht ins Ohr: Der New Yorker Schlagzeuger und Komponist John Hollenbeck ist einer Protagnisten der US-Avantgarde. Zu seinen musikalischen Partnern zählen Meredith Monk, Bob Brookmeyer und Fred Hersch; zudem spielt er in den Bands der Klezmerrevolutionäre Frank London und David Krakauer sowie des Tango-Nuevo-Gralshüters Pablo Ziegler.

Dass Avantgarde nicht schwergängig sein muss, gilt es nicht mehr zu beweisen. Auffällig ist indes, wie weit vorn sich Hollenbeck, der mit seinem Claudia Quintet zum Abschluss der 50. Sommersaison des Frankfurter „Jazz im Palmengarten“ spielte, im Sinne der Entwicklung bewegt – und das mit einer im allerbesten Sinn unterhaltsamen Musik.

Zu Beginn griff die Band als Doppelnummer einen Easy-Listening-Schlager der Carpenters und den Latinjazzkracher „The Peanut Vendor“ von Stan Kenton auf. Mit beiden Titeln verbindet Hollenbeck, wie er erzählt, frühe musikalische Erlebnisse. Der Pop scheint ihm denn auch eine wichtige Basis zu sein. Womit einem unverbrauchten Blick auf den Jazz schon mal der Boden bereitet zu sein scheint.

Hollenbeck kennt keine Einteilung in Solisten und Begleiter. Die Besetzung ist außergewöhnlich, mit dem Vibraphonisten Matt Moran, Chris Speed an Tenorsaxofon und Klarinette, Ted Reichman am Akkordeon, dem Bassisten John Hebert sowie Hollenbeck am Schlagzeug.

Hollenbeck, der orchestrale Musik und Werke für klassische Chöre komponiert hat, schreibt ausgesprochene Ensemblestücke. Zwar treten immer wieder einzelne Musiker und kleine Teilbesetzungen hervor, ein Solospiel im engeren Sinn aber gibt es nicht.

Das Klangbild ist enorm vielschichtig. Da ist ein stetiger Wechsel zwischen fragmenthaften Melodien, sich wiederholenden Phrasen in der Manier des Minimalismus, flirrenden Akkordeonmustern, Anverwandlungen von Drum’n’Bass am Schlagzeug, kollektiver Improvisation und intimen Klangszenen.

Postmoderne Beliebigkeit indes ist Hollenbeck fremd. Er greift zwar Merkmale der Jazzgeschichte auf, doch geht er damit gänzlich antitraditionalistisch um. Selten war Arbeit an der Zukunft so süffig! SEBASTIAN HANSEN

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