Sultans schöne Märchenstunde

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Inmitten des dramatischen Gewoges wirkt Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 mit den majestätischen Es-Dur-Akkorden wie eine Trutzburg.

Frankfurt - Sebastian Weigle wäre ein guter Maler. Kaum ein Dirigent mischt so akribisch die Orchesterfarben wie Frankfurts Generalmusikdirektor. Der Gedanke drängte sich beim Museumskonzert auf, das mit Schönbergs „Fünf Orchesterstücken“ von 1909 in knappen Klangformeln neue Töne vorwegnahm, wie es in Rimskij-Korsakows „Scheherazade“ eine kurzweilige orientalische Märchenstunde bot. Von Klaus Ackermann

Dank eines kompakten Museumsorchesters, das in den Soli Herzblut vergoss. Inmitten des dramatischen Gewoges wirkt Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 mit den majestätischen Es-Dur-Akkorden wie eine Trutzburg. Doch die 23-jährige Pianistin Yuja Wang geht nicht nur kraftvoll zu Sache. Sie überführt das Opus 73 behutsam in romantische Gefilde und zeigt ungeheuren Perfektionsdrang.

Schon im Eingangs-Allegro dominiert das Virtuose. Für das Poetische ist das Orchester zuständig, was im Adagio innigen Gesang beschert, den die Pianistin mit Samt überzieht. Effektvoll das Herantasten ans Rondo-Thema, hohe Schule der Geläufigkeit in derber Dreivierteltakt-Fröhlichkeit. Ein eher unterkühlter Beethoven, doch technisch hat Yuja Wang schon alles drauf, was eine teuflisch schwere, perfekt intonierte Paraphrase auf Mozarts „Türkischen Marsch“ und die ebenfalls zugegebene Scarlatti-Sonate unterstreichen.

Schönbergs Stücke muten wie ein Versuch in Richtung Zwölftonmusik an. „Vorgefühle“ ist der Eingangssatz überschrieben, wie ein Unwetter hereinbrechend, dessen erregende Motorik Weigle auskostet. Gegenpole sind ein expressives Akkordgewebe in gläserner Fragilität und kunstvoller Naturlaut in vielen farblichen Abstufungen. Mehr als eine Ahnung vom Chaos moderner Zeiten bieten Schönberg-Weigle auf engem Raum in der „Peripetie“, eine einschneidende Wende: In den exponierten Intervallen des Finalsatzes scheint die Zwölftonreihe nahe.

Dagegen ist die „Scheherazade“ reiner Genuss, die in 1001 Nächten mit zauberhaften Geschichten um die Liebe des grausamen Sultans und um ihr Leben kämpft. Da wird geliebt, gelitten, gefeiert, ein Schiff zerschellt wie des Herrschers Widerstand. Scheherazades Motiv ist bei Konzertmeister Ingo de Haas eine virtuos-anheimelnde Violinsolo-Demonstration – auch bei der für Orientalismen zuständigen Querflöterin, der Klarinettistin, dem Oboer und der Hornistin. Ein machtvoller Apparat, von Weigle schlank und einsehbar gemacht, aber mit Sogwirkung: Statt vier Nächten hätten es ruhig 1001 sein dürfen...

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