Sympathie für kultivierten Dialekt

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Rainer Weisbecker ist regelmäßig beim „Stoffel“ zu Gast.

Frankfurt - Wenn einer den Blues hat, vermutet man dahinter einen Melancholiker, der seinen trüben Stimmungen nachhängt. Wenn einer den Blues spielt, dann muss er das in Form eines langsamen Zwölftakters tun. So will es das Klischee. Von Detlef Kinsler

Die Sprache ist Englisch, der Interpret vorzugsweise Afro-Amerikaner und verortet wird die Roots Music in ihrer ruralen Form am Mississippi und urban gespielt in Chicago.

Da passen Frankfurt, der Main und der hessische Dialekt erst mal nicht ins Bild. Was Rainer Weisbecker nicht davon abgehalten hat, in den vergangenen Jahren als Mundartdichter und hessischer Blues-Mann auf die Bühne zu gehen und seinen CDs Namen wie „Frankfurter Lieder“ und „Allaa beim Äppelwoi“ zu geben.

Brandaktuell hat der Jahrgang 1953 das Album „Mainhattan Blueswalzer“ veröffentlicht. Da sitzt der Sänger ausnahmsweise mal mit Akkordeon am Ufer des Flusses vor der Hochhauskulisse – Lokalkolorit satt. Seine Bluesharp assoziiert das Delta im Süden der USA, seine Slide-Gitarre das trockene Texas, die Quetschkommode Louisiana.

Erste Versuche von deutschen Musikerkollegen, Bluesklassiker einfach ins Deutsche zu übertragen, fanden nicht unbedingt den Beifall des gebürtigen Niederräders. „Beispielsweise einen Muddy-Waters-Song zu nehmen, den Text einfach eins zu eins ins Deutsche zu übersetzen, das es nur so holpert und stolpert, das mache ich ja nicht“, betreibt Weisbecker eine Standortbestimmung.

„Jede Kultur hat ihren Blues“

Vom Anspruch an eine dichterische Qualität spricht er stattdessen. Der Dialekt erscheint ihm angemessener. „Weil er weniger steif und kantig ist als Hochdeutsch“, plädiert Weisbecker für gut gesprochene Mundart. Und das ist bei ihm „nicht stumpfes Straßen-Platt, sondern kultiviertes Bethmann-Frankfurterisch“.

Der Walzer im Konzept ist noch nicht aufgelöst, als erklärter Fan des Dreivierteltaktes hat er entdeckt: „Jede Kultur hat ihren Blues, ob das der Fado oder der Tango ist oder auch das Wiener Lied“, meint Weisbecker und erinnert an alte Moser-Lieder wie „Der alte Herr Kanzleirat“, die purer Blues seien.

Am 19. Juli kann man beim Stalburg Offen Luft Festival, kurz Stoffel genannt, im Frankfurter Günthersburgpark Weisbeckers Blues-Definition hautnah überprüfen. Schon heute geht es beim Stoffel los. Und Weisbecker – seit 2004 dabei – ist auch selber fast täglich Gast in der Grünanlage im Nordend. „Ich genieße es, in diesem Ambiente Musik oder Lesungen zu erleben“, sagt er. Dann noch selbst auf der Bühne zu stehen, zumal beim Finale, wenn alle Künstler Weisbeckers Lied vom „Alte Grießbrei“, längst die offizielle Stoffel-Hymne, als bunt gemischter Chor intonieren, ist für ihn der „absolute Hammer“.

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