Erasure: Tanz mich ekstatisch!

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Vor der opulenten Bühnenkulisse wirkten die Jungs von Erasure in der Stadthalle fast ein wenig verloren.

Offenbach - Unermüdlich bedrohlich kreist seit geraumer Zeit ein Revival über aller Köpfe. Ein Jahrzehnt, dass vor 21 Jahren zu Ende ging, scheint einfach kein Ende finden zu wollen: die 80er Jahre. Von Ferdinand Rathke

Seltsam! Denn zwischen Pershing, Punkern und Poppern erlebten Rock und Artverwandtes ihre unbekümmerte kommerzielle Ausschlachtung und den künstlerischen Niedergang dessen, was in drei Jahrzehnten mühsam mit Rock’n’Roll, Beat und Underground aufgebaut worden war. Es muss am wuchtig-blechernen Elektrobeat liegen, der sich so nachhaltig etablierte und seitdem nicht mehr wegzudenken ist, dass im kollektiven Gedächtnis so viel Platz für so wenig Kreativität freigeräumt wurde.

Auf wie wenig Interesse Synthie-Pop der Marke „Tanz mich ekstatisch!“ tatsächlich stößt, lässt die nur zu einem Drittel gefüllte Offenbacher Stadthalle mit 550 Besuchern erahnen. Regelrecht verloren wirkt die opulente Bühnenkulisse aus antikem Torbogen, futuristischen Stahlkonstruktionen und vier bösen Dämonenfiguren, die in einem Fall dem Erasure-Instrumentalisten Vince Clarke als Kommandozentrale für seine auf dem Laptop vorbereiteten Playbacks dient.

Wo der schmale Hutzelmann Clarke Tasten drückt, ist sein extrovertiert exaltierter Partner Andy Bell nicht weit. Im Schlepptau des mit anfänglich üppigem Kopfputz aufgemotzten Frontmanns befinden sich zwei Chordamen, die als erste Gesangsschritte das Gospeln gelernt haben dürften.

In Schwarz und Rot gekleidete Quartett

„Sono Luminus“ gibt das in Schwarz und Rot gekleidete Quartett als Auftakt zum Besten. Ein behäbiger Einstand zwischen New Age und Fahrstuhlklängen, der als Aushängeschild der angekündigten, auf 90 Minuten konzipierten Partysause einfach nicht funktionieren will. Doch mit Titel Nummer zwei, „Always“, finden Erasure zu jenem Elan, den sie seit 1985, nachdem Ur-Depeche-Mode-Mitglied Clarke Alison Moyet und Feargal Sharkey als Sangespartner hinter sich ließ, bis zur Perfektion betrieben haben. „Total Pop!“ lautet das Tourmotto nach gleichnamiger Vier-CD-Hit-Box, die vor geraumer Zeit erschienen ist und einen intensiven Querschnitt durch das Schaffen von Erasure vermittelt. Quasi Gassenhauer zwischen Charterfolg, Clubhymnenkult und Schwulenbewegtheit, all das ohne Pause.

Tatsächlich gelingt es Erasure, die räumliche Leere mit lautem Karacho zu füllen, wenn sie Hit an Hit reihen und einige nahtlos sich ins Gesamtkonzept einpassende Titel des aktuellen Werks „Tomorrow’s World“ einbauen: „Sometimes“, „Drama!“, „A Little Respect“, „Victim Of Love“ oder „I Love To Hate You“ operieren im ähnlichen stilistischen Umfeld wie ein gutes Dutzend weiterer gut abgehangener Oldies zwischen wenig subtilem Disco-Bums und fröhlich ausgelassener Tanzwut.

Vince Clarke hält sich bis auf wenige Ausnahmen auf der Akustikgitarre vornehm hinter seiner Konsole zurück. Ganz anders Partner Andy Bell, der mehrmals seine extravaganten Textilien häutet, launige Moderationen ausschließlich in erstaunlich akzentfreiem Deutsch offeriert und ansonsten mit viel Schwung und geziertem Getue den mediterranen Club-Animateur gibt.

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