Tastenkunst und eine „fixe Idee“

Im elegant-modischen Anzug macht er das Konzertpodium der Alten Oper zum Laufsteg. Doch wie weggewischt ist dieser Gedanke, wenn Jean-Yves Thibaudet am Flügel Platz genommen hat. Dann kommt man aus dem Staunen kaum heraus: über derart flinke Finger und unerhörten gestalterischen Durchzug.

Gleich zwei Klavierkonzerten seines Landsmanns Maurice Ravel diente der Weltklasse-Pianist aus Lyon seine filigrane Tastenkunst an. Akribisch begleitet vom legendären Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung des Chefdirigenten Marek Janowski, die mit der „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz ebenfalls beifälligen Jubel auslösten.

Kaum ein Werk der klassischen Moderne aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das Suisse Romande und sein Gründungsdirigent, der Komponistenfreund Ernest Ansermet, nicht uraufgeführt hätten. So wehte auch bei Ravel der gewisse Hauch von Authentizität durch den Raum. Während Thibaudet sich vom ersten orchestralen Peitschenhieb an locker ins Konzert G-Dur vergrub, die rhythmische Essenz des Jazz mit dem Akkord-Pfefferminz eines George Gershwins verbindend – Ravel auf US-Kurs. Und dies mit einer Rasanz, dass man um die Klavierhämmer fürchtete. Nicht um die Klaviersaiten, denn Thibaudet behielt selbst im dichten virtuosen Gemenge die Übersicht, erst recht im melodiös feinfühligen Balladengang. Wie jazzige „Fill-Ins“ brachen die markant phrasierenden Blech- und die spitzen Holzbläser ins temporeiche konzertante Geschehen ein.

Eine Besonderheit von Hause aus ist Ravels Klavierkonzert D-Dur für die linke Hand, dem Wiener Pianisten Paul Wittgenstein gewidmet, der im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verloren hatte. Geschlossenen Auges eine Virtuosen-Demonstration aus der Zeit der großen Klaviersalons: Dass dies alles nur mit links gespielt wurde, ist kaum glaublich, aber wahr. Von einem Tastenmeister, der seine Finger arretiert zu haben schien für gestochen scharfe Akkordfolgen. Ravels Leichtigkeit des Seins in klanglichen Impressionismen, kultiviertem Mittelstimmen-Melos und auch in an den Bolero gemahnenden Tanz-Passagen vorlebend. Thibaudets wunderschöner Abgesang war hier ein Nocturne von Frédéric Chopin.

Die französische Trias komplettierte Hector Berlioz mit seinen „sinfonischen Episoden aus dem Leben eines Künstlers“. Da ist die Liebe allemal ein seltsames Ding und sehnsuchtsvolles Leitmotiv, eine „Idée fixe“, die in mannigfaltiger Verwandlung auftaucht und den Liebhaber in den Wahnsinn treibt. Diesem programmatischen Schlamassel begegnete der pragmatisch dirigierende Janowski mit nahezu klassischer Ausgewogenheit, im anmutigen Walzertraum wie in den barock beschrifteten fugierten Orchesterpassagen. Geisterhaft das finale Furioso mit dem spukhaften Klarinetten-Solo. Eine bittersüße Liebe, die noch in der Zugabe nachschwang, dem Intermezzo aus Puccinis „Manon Lescaut“ – auch so ein Beleg für den untrüglichen orchestralen Klangsinn von Suisse Romande. KLAUS ACKERMANN

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