Barenboim mit Beethoven und Berlioz

Tastenlöwe und Pultstar vereint

Auf Daniel Barenboim darf man immer gespannt sein. Ob als musikalischer Friedensstifter in Nahost oder als „Maestro Scaligero“, als Meister der Filarmonica della Scala, mit der er beim Rheingau Musik Festival im Wiesbadener Kurhaus gastierte. Wo er ein Plädoyer für eine nicht ungefährliche Verbindung hielt, die Personalunion von Solist und Dirigent.

An Mozart wagt sich mancher Pultstar mit Tasten-Kompetenz. Bei Beethovens sinfonisch angelegtem Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll ist das Risiko, an Balance einzubüßen, weit höher. Kein Problem für den Berliner Generalmusikdirektor, der Dirigierimpulse mit Körpersprache und Klavierton versendet, wenn gerade keine Hand frei ist; das Ganze ohne Blick in die Noten. Wie auch beim zweiten Werk des stürmisch gefeierten Konzerts, der Symphonie fantastique von Hector Berlioz, die Barenboim vom romantischen 19. Jahrhundert in die zerklüfteten Klangwelten des 20. versetzt.

Um den offenen Flügel zentriert, erweist sich die Filharmonica schon in der Einleitung als des Maestros Stimme, dem herrischen Moll mit mild scheinenden melodiösen Sonnen begegnend. Ein Kontrast, den Barenboim in den ersten Klaviertakten auf einen knappen Nenner bringt, souverän in donnernden Oktavgängen, in dichtem Figurenwerk, bei zurückhaltendem Pedal und einer improvisatorisch dreinfahrenden Kadenz, deren finale Triller wie fiebrige Schauer wirken.

Gesang wie aus einer anderen Welt im gelassen ausgebreiteten Largo, das die Mailänder mit Samt und Seide zu umgeben scheinen, ehe das Rondo als leichtfüßige Rokoko-Erscheinung in Bann zieht – perlende Figurationen, glasklares Fugato und druckvolle Trillerketten inbegriffen, bei denen sogar die Klaviermechanik Laut gibt.

Da wird der Sinn fürs Theatrale des motiviert und ohne Makel aufspielenden Orchesters erkennbar, das plastische sinfonische Szenerien erstellt, unerlässlich für die schaurigen Wendungen der Symphonie fantastique. Doch bei Barenboim und der für dramatischen Spuk empfänglichen Filarmonica bedarf es kaum des Alptraums eines hoffnungslos Liebenden, der glaubt, im Opiumrausch die Geliebte ermordet zu haben, und zur Hölle fährt. Da wird präzise auf die Struktur geschaut, mit der omnipräsenten „fixen Idee“.

Das beschert feine Akkord-Schleier, wie der romantische Klang – im Walzertakt oder in den pastosen Oboen- und Englischhorn-Dialogen – modernistisch hart daherkommt. Auch virtuoser Theaterdonner ist im Spiel. Doch knapp vor der Grenze zur Karikatur bekommt Barenboim die Kurve. Nicht zuletzt mit der orchestral opulent ausgebreiteten Ouvertüre zu Verdis „Macht des Schicksals“. Da sind die Mailänder in ihrem Element. KL. ACKERMANN

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