Unbedingter Erfolgswille

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Die Zwillingsschwestern Tegan and Sara aus dem kanadischen Calgary.

Offenbach - Tegan and Sara wollen es wissen – definitiv! Strikt auf Erfolgskurs, das ist die Devise, die ohne Zweifel hinter „Heartthrob“ zu erkennen ist, ihrem siebten Album, das Anfang dieses Jahres erschienen ist. Von Stefan Michalzik

Die Indiepop-Gemeinde, in deren Herzen sich das Duo der  Zwillingsschwestern aus dem in der kanadischen Provinz Alberta gelegenen Calgary mit dem charmant-rumpeligen Folkpop von frühen Werken wie ihrem Debütalbum „Under Feet Like Ours“ von 1999 gespielt hat, ist gespalten: Erboste Stimmen sprechen von Ausverkauf, vom Sündenfall der kommerziellen Ambition.

Dass sie Erfolg haben wollen, und zwar einen möglichst großen – dazu bekennen sich Tegan and Sara, die mit ihrer Band im Offenbacher Capitol gastierten, offensiv, eine Scheu vor Schelte lassen sie nicht erkennen. Uncool ist das wahre Cool: Mag sein, dass es sich spießig anhört, haben sie in einem Interview gesagt, aber nach dem Schritt über die magische Altersschwelle von dreißig müssten sie nun einmal auch an die Zukunft denken! Mögen in Kritiken neuerdings auch Vergleiche zu Pink und Lady Gaga und – wegen eines gewissen Bezugs zum Pop der achtziger Jahre vielleicht noch am treffendsten: - Cindy Lauper gezogen werden, ein Imagewechsel ist für Tegan and Sara nicht angestrebt.

Ungewohnt keyboardlastig sind die neuen Songs trotzdem arrangiert, die Tegan and Sara vor allem im ersten Drittel des Konzerts platziert haben. Sie sind melodiös wie ehedem, es geht immer noch vor allem um die Liebe, naiv-wissend, in den Nummern von Sara bisweilen mit Anleihen an den Girlpop, derweil Tegan eher die Singer/Songwriterin ist. Der Grundton ist in jeder Hinsicht etwas heller als früher. Es bratzt gewaltig, anknüpfend an die überraschende Zusammenarbeit mit dem vielgeschmähten Kommerztechnoballermann David Guetta im vergangenen Jahr.

Im ersten Moment mag das befremdlich kirmesartig erscheinen, immerhin aber gewinnen die Songs beim mehrmaligen Hören. Es geht um einen Transfer aus dem Indiewinkel in den Mainstream via Dancefloor; Beth Ditto und Gossip haben das ehrenhaft vorgemacht. Ungeachtet der Verkaufsabsichten lässt sich die Wende auch als ein Befreiungsschlag interpretieren, schließlich hatte sich die Idee vom zeitgenössischen Folk auf den vorigen Alben ein wenig erschöpft. Tegan and Sara ist praktisch gar nichts anderes übrig geblieben, als sich neu zu erfinden. Paradoxerweise sind die auf einen unterstellten Massengeschmack hin produzierten Novitäten im Offenbacher Konzert zwar fraglos auf einen wohlwollenden Widerhall beim Publikum gestoßen – doch der erschien verhalten im Vergleich zu der warmen Aufnahme der beliebten Oldies. Der Fan, nicht nur der von Tegan and Sara, ist gemeinhin eben doch meist konservativ gesinnt.

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