The BossHoss in der Jahrhunderthalle

Cowboys vom Prenzlauer Berg

Frankfurt - Ehedem, in der noch düsteren Post-„Truck Stop“-Ära, sattelten sieben gesetzestreue Outlaws mitten in Berlin-Texas, am berühmten Prenzlauer Berg, ihre treuen Pferde. Von Peter H. Müller

Sie wienerten die Lederstiefel mit Männerschweiß auf Hochglanz und ritten grimmigen Blickes los, die ahnungslose Republik zu rocken. Es war, wie wir heute wissen, zweifelsfrei mehr als ein Partykeller-Scherz von passionierten Grafikern und Biertrinkern. Viel mehr. Um nicht zu sagen: Es war ein historischer Treck. Und – Karl May hin, Winnetou her – der Startschuss zur ultimativen Wiederbelebung des bundesdeutschen Wild-West-Kulturgutes. Eine knappe Dekade später galoppieren die Großstadt-Cowboys von The BossHoss durch die ausverkaufte Jahrhunderthalle und belegen eindrucksvoll, dass aus der zuweilen belächelten Coverband ein veritables Rock-Phänomen gewachsen ist.

Gut, die Satteltaschen sind inzwischen auch prall gefüllt: Die furchtlose, felsenfeste Gang um Alec „Boss Burns“ Völkel und Sascha „Hoss Power“ Vollmer hat nach rund 1,5 Millionen verkauften Tonträgern gerade ihr siebtes, nur mit eigenen Songs bestücktes Album „Flames of Fire“ in den Markt-Staub geworfen. Pünktlich natürlich zur dritten Staffel von „The Voice of Germany“, wo die beiden Sheriffs ja bekanntlich nach neuen Wohnzimmer-Talenten fahnden. Und gerade rechtzeitig vor dem Tour-Start, der Action und satten Sound zum kollektiven Abrocken liefert. Die Botschaft des fulminanten Konzertabends steckt denn auch schon im Eröffnungs-Kracher „God Loves Cowboys“.

Die in Bonanza-Hut, Westernhemd und schwer abgerittene Jeans gewandete Fangemeinde liebt die Feinripp-Ritter aus dem Berliner Mauerpark. Ist auch nicht schwer. Boss, Hoss und die augenzwinkernd getauften Hank Williamson (Mandoline, Harp, Banjo), Russ T. Rocket (Gitarre), Guss Brooks (Kontrabass), Frank Doe (Drums) und Ernesto Escobar (Percussion) legen eine erdige, schweißtreibende Show hin, die Nummer-1-Hits wie „Don’t Gimme That“ oder „Stallion Battalion“ und aktuelles Material wie „Eager Beaver“, „Do It“ und „Bullpower“ zu einem mitreißenden Rockspektakel mixt. Die Zutaten: Übergroßer, wie immer ironisch grundierter Easy-Rider-Gestus, mit Südstaaten-Kunstakzent geschmückter Smalltalk, Tattoos und Crowdsurfing, ein paar unverzichtbare Cover-Hits (Dionne Warwicks „I Saw A Little Prayer“, die OutKast-Hymne „Hey Ya!“ oder die Final-Gaudi zu Cameos „Word Up“) und gradlinigster, kompakter Rock’n’Roll, der groovt, als seien ZZ Top, Elvis und Johnny Cash zur Live-Session im Sinners Saloon eingeritten.

Pausbackig unterstützt von einer Bläser-Combo mit dem ebenfalls verdächtigen Namen „Tijuana Wonderbrass“ klingt das alles noch überzeugender, energiegeladener als auf schnöder CD. Kein Wunder also, dass nicht nur „Boss“ Völkel bei seinem Stagediving-Bad in der Menge unfallfrei auf Händen getragen wird – der wilde, wilde Westen hat heute mal mitsamt seinen Cowboy-Punks in Höchst Halt gemacht. Und das ist, man glaubt es kaum, gut so.

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare