The Hurts in der Jahrhunderthalle

Die Dandys mit den Eisaugen

+
Die britische Band Hurts spielt am 05.09.2013 auf der Bühne bei der Verleihung des Deutschen Radiopreises 2013 in Hamburg.

Frankfurt - Es gibt Konzerte, die ein wahrer Segen sind - für Fans und die gesamte Pop-Szene. Geschieht selten, zugegeben. Aber, wenn beides zusammenkommt und dabei auch noch eine Band gegen alle Trends ihr eigenes Ding entwickelt, ist es umso bemerkenswerter. Von Peter Müller

The Hurts, das Britpop-Sextett um die stylischen Frontmänner Theo Hutchcraft und Adam Anderson, sorgt in der bestens besetzten Jahrhunderthalle für ein Glanzlicht. Die Zutaten: Britisches Understatement, ironisch grundierte Dandy-Attitüde, schwarze Designer-Anzüge, kühler Blick, das neue Album „Exile“ und ein theatraler Sound, der die besten Zeiten der Pet Shop Boys, einen kräftigen Schuss Depeche Mode und die morbide Mystik der Industrial-Helden von Nine Inch Nails zum großartigen Ganzen mixt. Anno 2005 hatten sich Keyboarder/Soundtüftler Anderson und Sänger Hutchcraft im Nachtclub „42nd Street in Manchester kennengelernt und auf eine lose Zusammenarbeit geeinigt, die eher deprimierend verlief. Fünf magere Jahre und diverse redlich gescheiterte Bandprojekte später kriegten sie dann als The Hurts doch noch ein Album an den Start: „Happiness“, dessen Titel bald Programm werden sollte.

Denn schöne Synthie-Popsongs wie „Wonderful Life“, „Blood, Tears & Gold“ oder „Stay“ lösen einen regelrechten Hype aus. Ihre bei der Berliner Fashion Week 2010 kreierten Stil-Spleens tun ein Übriges – The Hurts, samt ihrer akkurat gescheitelten Kurzhaarfrisuren, sind plötzlich angesagt. Wer aber nun geglaubt hatte, die Elektro-Popper würden sich auf ihrem aufgehübschten 1980er-Jahre-Sound ausruhen, liegt vollends daneben. In Frankfurt macht schon der in ein Lichtgewitter getauchte Opener „Mercy“ klar, dass sich Entscheidendes getan hat. Das neue Album „Exile“ ist entschieden düsterer, kantiger, dichter geraten. In der horribel metallisch dröhnenden Schluss-Nummer „The Road“ per Computer eingearbeitete Auto-Crash-Sounds oder verzerrte Krankenhaus-Geräuschkulissen – alles der intensiven Atmosphäre wegen. Dazu textet Hutchcraft morbide Assoziationen von Sex, Tod oder Masochismus – fertig ist ein großartiges, sinistres Gemenge.

Wie das mit dem herzzerreißenden, selbstredend in Deutsch balladierten „Ohne Dich“-Kitsch der Hamburger Band Selig zusammengeht? Keine Ahnung, wir hissen die weiße Fahne. Aber es fügt sich trotz der fast bizarren Kontraste zum fulminanten Live-Erlebnis. Neben der knackigen Kürze (75 Minuten) des gefeierten Auftritts gibt nur noch ein Gerücht Anlass zu Sorge: The Hurts wollen 2014 mit der Schlittschuh-Familienbespaßung „Art on Ice“ durch die Schweiz touren. Nun ja. Andererseits, wer Til Schweigers „Kokowääh“ schadlos hinter sich gebracht hat, übersteht auch ein so milcheisiges Engagement.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare