Tief in die Herzen geblickt

Zehn Jahre gibt es die Rhein-Main-Vokalisten. Offenbachs Musikprofessor Jürgen Blume hat Stimmbildung und Repertoire weitergetrieben und den Spagat zwischen Alter Musik, Klassik und gehobener U-Musik gewagt.  Von Reinhold Gries

Wie weit er damit gekommen ist, war beim Jubiläumskonzert in der bestens gefüllten Johanneskirche zu hören.

Die von Olaf Joksch am Flügel kongenial begleitete Reise „Von Brahms bis Broadway“ war unterhaltsam. In Brahms’ „Zigeunerliedern“ sorgte der Wechsel zwischen leidenschaftlichen und melancholischen Rhythmen für Gefühlswallungen. Zündend der Dialog zwischen Marc-Eric Schmidts schlankem Tenor und dem Ensemble.

Voller Dramatik steckte Schumanns „Zigeunerleben“, Gratwanderung zwischen Lebensbejahung und Melancholie, die von Jokschs großartigem Spiel profitierte. Völlig gelöst tanzte Blume Bizets Walzer mit, kostete das ohrwurmartige Rondo und die schönen Intermezzi aus; kein Wunder nach dem vorangegangenen Tango im 4:0-Takt ...

Bei seiner „Kurkonzert-Satire“ war Blume in seinem Element. Stimmengewirr, Sprechgesang, Dissonanzen, Fugiertes und Melodiöses – das hätte dem Ideengeber Hanns Dieter Hüsch gefallen!

Mit enormen Stehvermögen dargeboten

Tief griff Blume in Andrew Lloyd Webbers Musical-Trickkiste, wobei Joksch temperamentvoll anheizte. Reißern aus „Phantom der Oper“, dem zärtlichen „The Music Of The Night“, dem innigen „Love Me, That’s All I Ask Of You” oder dem sehnsüchtigen „Wishing You Were Somehow Here Again” hätte man stundenlang zuhören mögen.

Zwischen Leidenschaft und Verzweiflung pendelte Webbers Pop-Oratorium „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“. Wie sehr neue Musikformen beim Publikum der Oper den Rang ablaufen, war im spiritualartigen „One More Angel In Heaven“ wie im demütigen „Close Every Door“ nachzuvollziehen. In „Joseph’s Dream“ und „Any Dream Will Do“ steckte zwischen Rag, Blues, Presley und Belafonte alles drin, was die U-Musik zu bieten hat – von den Rhein-Main-Vokalisten stimmkräftig, gefühlvoll und mit enormem Stehvermögen dargeboten. Blumes Versprechen, „durch Gesang tief in die Herzen der Menschen sehen zu lassen“, wurde eingelöst.

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