Titanen an den Tasten

Frankfurt - Wenn er tief im Melodischen taucht, singt er auch schon einmal mit: Zwei Komponisten-Freunde des Klavier-Salons rückte Maurizio Pollini in der Frankfurter Alten Oper in den Mittelpunkt, nach wie vor bei Frédéric Chopin und Franz Liszt das Maß aller Dinge. Von Klaus Ackermann

Und so sorgten gleich drei Tasten-Titanen für einen unvergesslichen Klavierabend, bei dem der Italiener zumindest in späten Werken von Liszt den Vorhang zur Moderne weit aufriss.

Schon in der Fantasie f-Moll verweist Pollini auf Grundpfeiler seines Chopin-Spiels, das dem vordergründig Virtuosen völlig abschwört. Verhalten tönt der Eingangsmarsch, steile Aufgänge zum zauberhaften Balladenthema mit viel Pedaldampf, Streicheleinheiten bei den lebhaften Figuren im Diskant und ein Verweilen im Melodischen – das alles zielt aufs intensiv ausgesungene Grave, das der Maestro genüsslich zelebriert.

Überhaupt wirken die letzten Takte bei dem schon früh kränkelnden Genie Chopin wie ein Vermächtnis. Auch in den zwei Nocturnes op. 62, bei Pollini wie erdentrückt, nächtliche Träumereien in wundersam untermalten Melodien, die sich zu verflüchtigen scheinen. Selbst die Polonaise-Fantasie As-Dur op. 61 wirkt wie ein zerfließendes Aquarell, mit feinfühlig georteten Mittelstimmen. Der musikalische Impressionismus ist nicht mehr fern.

Und selbst beim Scherzo Nr. 1 h-Moll – zwiespältige Empfindungen angesichts der neuen Lebenssituation Chopins in Paris – ist das Virtuose nur Mittel zum Zweck. Mit einem ergreifenden Wiegenlied im Zentrum, dem Pollini nachzusinnen scheint.

Im November hatte der begnadete Pianist sein Konzert krankheitshalber absagen müssen, dessen viele düsteren Momente auch im März keine Frühlingsgefühle aufkommen lassen. Vor allem nicht beim virtuosen Weltreisenden Liszt, dessen späte Stücke in ihrer betonten harmonischen Kargheit die Musik des 20. Jahrhunderts erahnen lassen – für Pollini eine Herzensangelegenheit.

„Nuages Gris“: Graue Wolken zerfließen ebenso wie die Tonalität sich zu verflüchtigen scheint. Pausenlos geht’s in die harten, sperrigen Oktav- und Akkord-Gänge von „Unstern. Sinistre. Disastro“ bei milde stimmendem Abgesang. Auch „La Lugubre Gondola“ und „Richard Wagner –Venezia“ erklärt Pollini zur Einheit. Die „grausige“ Gondel mit ihrem chromatischen Auf und Ab muss wohl einen Toten zur letzten Ruhestätte fahren. Vielleicht Wagner, dessen Herztod seinen Schwiegervater Liszt zu aufrüttelnden Akkorden bewegte.

Schließlich noch Liszts Sonate h-Moll, die mit zwei markanten Tönen eine fesselnde Lebensbeichte einleitet, die ein hoffnungsvolles Grandioso in wilden Oktaven-Ketten zertrümmert, nach eindringlichem Rezitativ ein bittersüßes Andante anstimmt und nach ironisch anmutendem Fugato der Welt zu entsagen scheint. Bei Pollini ein Psychogramm, der in den drei Zugaben – wiederum Liszt und Chopin – akribisch den Klavierklang erforscht. Dann hatte die Pollini-Gemeinde ein Einsehen.

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