Erinnerung an die Revolte

+
Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow.

Offenbach - Deutschland ist das Land der Heimwerker und Baumärkte. Sollte etwas nicht passen, wird es passend gemacht. Gäbe es für dieses Tun ein musikalisches Äquivalent, es hieße wohl Tocotronic. Von Christian Riethmüller

Seit 20 Jahren quetschen die Klassenbesten der vielbeschworenen Hamburger Schule ihre umständlichen Verse in windschiefe Indie-Rock-Songs, die so steif wie ein vor getrockneter Farbe starrender Pinsel daherkommen und trotzdem ist die Begeisterung bei jedem neuen Album des Quartetts immer wieder groß.

Unscharfer, verwaschender Sound

So nun auch bei der im Januar veröffentlichten Platte „Wie wir leben wollen“, die diesmal sogar noch das Unscharfe und Verwaschene des Tocotronic-Sounds durch die Verwendung einer über 50 Jahre alten Tonbandmaschine verstärkte. Dieser Sound ist aber auch typisch für Tocotronic-Konzerte, die seit den frühen Tagen des Radaus nichts an Klangqualität dazugewonnen haben.

Dies bestätigte die Band auch bei ihrem gut besuchten Auftritt im Capitol in Offenbach, wo die Gitarren von Dirk von Lowtzow und Rick McPhail, Jan Müllers Bass und Arne Zanks Schlagzeug sich zu einem Tonbrei vereinten, aus dem doch immer wieder ein Song entstand, der nicht nur anhand seiner Parolen wie „Alles wird in Flammen stehen“ oder „Die Revolte ist in mir“ zu erkennen war.

Noch Revolte?

Aber ist noch Revolte in Tocotronic? Ist die Band noch wichtig, oder spielt sie nur den Soundtrack zu den Jugenderinnerungen von Menschen, die mittlerweile auch auf die 40 zugehen? Mit heiligem Zorn greifen sie jedenfalls nicht mehr in die Saiten, selbst wenn die flotten Stücke wie „This Boy is Tocotronic“, „Hi Freaks“ oder die allererste Single der Band - „Meine Freundin und ihr Freund“ - noch einiges ihrer Kraft bewahrt haben und etlichen Zuhörern in die Beine fahren.

Aber eine Tanzband waren Tocotronic dann doch nie, weshalb sich die Begeisterung während des neunzigminütigen Konzerts eher in Gedanken abgespielt haben mag, wenn die alten und neuen Slogans wie „Ich bin viel zu lang mit euch mitgegangen“, „Aber hier leben, nein danke“ oder „Abschaffen“ erklangen. Die lassen sich schön zurechtbiegen für das Leben in der Großstadt, in dem so viel passend gemacht werden muss, um damit durchzukommen.

Kommentare