Töne zum Verstehen

Als DDR-Komponisten kann man Friedrich Goldmann nicht abtun. Er verfolgte einen eigenen Weg, blieb auf Distanz zur Kulturpolitik. Impulse bezog der 1941 in Chemnitz geborene Komponist von Karlheinz Stockhausen, dem er 1959 bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt begegnete. Von Stefan Michalzik

Außerdem von Pierre Boulez, der ihn als Komponist wie als Dirigent beeinflusste. Dogmen der Nachkriegsmoderne stand er kritisch gegenüber. Das Porträtkonzert der Happy-New-Ears-Reihe an der Frankfurter Oper zum bevorstehenden 70. Geburtstag des 2009 verstorbenen Goldmann zählt zu jenen, mit denen das Ensemble Modern seinen 30. Geburtstag begeht: Goldmanns 1977 entstandenes Konzert für Posaune und drei Instrumentalgruppen stand 1980 auf dem Programm des ersten Konzerts des Ensembles, das zu den ersten im Westen gehörte, die sich mit ihm beschäftigten.

Goldmann hat vor allem Instrumentalmusik geschrieben, derweil die offizielle Linie eine für die Propaganda verwendbare Vokalmusik verlangte. In seinem Posaunenkonzert hat er das barocke Konzert-Prinzip – Gegenüberstellung eines Instruments mit chorisch besetztem Orchester – neu definiert: Der Solist, in diesem Fall Uwe Dierksen, sieht sich drei Gruppen des hier von Franck Ollu geleiteten, bestens präparierten Ensembles gegenüber. Ein Quartett spielt streng akkordisch, ein Trio bildet den Gegenpol einzelner Stimmen; bei den zwei Schlagwerkern klingt ein Trauermarsch an. Der Solist sieht sich in eine Auseinandersetzung mit den Gruppen hineingezogen, zwischen denen er steht.

Von einem dialektischen Komponieren sprach Pianist Hermann Kretzschmar mit Blick auf das auf 1996 zurückgehende Ensemblestück „Linie/Splitter“. Phasenweise zersplittert die Linie, die Splitter formen sich zur Linie. Das Trio für Horn, Violine und Klavier (2004) geht von einem individuellen Ansatz der drei Instrumentalstimmen aus, es versucht sie zusammenzubringen, was nur für kurze Zeit möglich ist.

222 Positionen umfasst das Werkverzeichnis Goldmanns. Der analytisch denkende, amüsant moderierende Musikwissenschaftler Frank Schneider verwies darauf, dass Goldmann Musik im Sinne eines „denkbaren Verstehens“ über die eingeweihten Kreise hinaus schreiben wollte. Der Großteil des Werks harrt seiner Erkundung. Da tut sich Interpreten, Publikum wie Musikwissenschaft ein dankbares Feld auf!

Rubriklistenbild: © Bernd Boscolo / Pixelio.de

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