Ton, Steine, Scherben in der Batschkapp

Linksalternatives Klassentreffen ohne Rio

Frankfurt - Nach Jahrzehnten der Funkstille melden sich „Ton, Steine, Scherben“ – das Sprachrohr linksalternativer Bewegungen in den 70er Jahren – wieder zurück. Von Ronny Paul

Zum letzten Mal standen Gitarrist R.P.S. Lanrue, Bassist Kai Sichtermann und Schlagzeuger Funky Goetzner 1985 zusammen mit Frontsänger Rio Reiser auf einer Bühne, bevor sie getrennte Wege gingen. Jetzt melden sie sich zurück. Zwar ohne den 1996 verstorbenen Sänger und Kopf der Band, aber immerhin mit allen Gassenhauern. Doch wer ersetzt den charismatischen Reiser auf der laufenden „Ding Ding Dang Dang“-Tour? Die drei Ur-Scherben suchten sich, neben fünf weiteren Musikern, dafür ein Tandem: Der junge Nico Rovera und Lanrue-Tochter Ella-Josie Erbsen teilten die 21 gespielten Songs in der Frankfurter Batschkapp unter sich auf. Schon beim ersten Lied, „Wenn die Nacht am tiefsten ist...“, beweist Rovera, warum die Band ausgerechnet ihn zum „Reiser-Imitator“ erkoren hat: Rovera beeindruckt mit Bühnenpräsenz und lässt an vielen Stellen fast vergessen, dass da nicht Rio Reiser steht, sondern ein Anfangzwanziger.

Rovera, bei vielen Stücken auch an der Gitarre, interpretiert die Songs von „Mein Name ist Mensch“ über „Warum geht es mir so dreckig“ bis hin zu „Keine Macht für Niemand“ auf seine ganz eigene Art, ohne dabei die Stücke zu entfremden. Zwar klingt Rovera, wie auch der Rest der Scherben, nicht annähernd so rotzig wie noch in den 70er Jahren, doch der Funke zum überwiegend mit der Band gealtertem Publikum springt über.

Unverbrauchte Texte

Auch die instrumentalen Ausschweifungen der Anfangsjahre verlaufen in relativ geordneten Bahnen: So bekommt „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, gesungen von Erbsen, in neuer Variante fast eine herkömmliche Songstruktur, ohne Lanrues ausufernde Improvisationen auf der Gitarre. Überhaupt wirkt das Konzert – die Scherben sprühen vor Spielfreude – wie ein Klassentreffen alter Linksalternativer, die mittlerweile das „Georg-von-Rauch-Haus“ in Kreuzberg gegen eine Vier-Zimmer-Maisonette-Wohnung im Frankfurter Westend eingetauscht haben – sowohl auf als auch neben der Bühne.

Doch die meisten Lieder der Scherben sind zeitlos, wirken auch heute vor allem inhaltlich noch gegenwärtig und unverbraucht, was Lanrue letztendlich zu einem Comeback bewog: „Die Lieder sind gut, sie sind aktuell“, sagte er im Interview mit unserer Zeitung. Das eine politische Band auch nach vierzig Jahren noch etwas zu sagen hat und sowohl alte wie neue Fans sammelt, obwohl es seit 1985 keine neuen Lieder gibt, könnte als Indiz gelten, dass Reisers Gedanken zur sozialen Gerechtigkeit auch gegenwärtig noch nicht in allen Köpfen angekommen sind. Reiser würde fragen: „Wo sind wir jetzt?“

So wirkt Musik auf unseren Körper

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Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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