Träumen Stimme verliehen

Bruce Springsteen erfreut sich zwar noch ungebrochener Schaffenskraft, doch die Kanonisierung des Boss hat längst begonnen. Niemand muss sich mehr als Klon schmähen lassen wie einst der bedauernswerte John Cafferty, wenn er den Springsteen-Alben aus den 70er Jahren seine Reverenz erweist oder sie einfach ins Heute übersetzt. Von Christian Riethmüller

Bemerkenswert ist allerdings, dass Springsteen nicht nur Rockbands ein Bezugspunkt ist, sondern mittlerweile sogar in der Punk- und Hardcore-Szene seine Bewunderer hat.

Dieser Szene entstammt The Gaslight Anthem, eine Band aus New Brunswick in New Jersey, Springsteens Heimatstaat. Dort gibt es zwar den Witz, dass jeder in New Jersey, der den Boss nicht möge, höhere Steuern zahlen müsse. Doch mit der Angst vor den Steuereintreibern ist der Einfluss Springsteens auf mittlerweile drei Alben von The Gaslight Anthem nicht erklärt. Vielleicht hat der Zufall etwas mitgespielt und Brian Fallon, dem Sänger und Gitarristen der Band, eine Stimme beschert, die der des jungen Springsteen sehr ähnlich ist. Mit dieser Stimme aber Songs zu schmettern, die in ihren Texten direkt den Themenkatalog des Vorbilds aufgreifen und das bewährte Personal aus der Arbeiterklasse und der unteren Mittelschicht mit seinen Träumen und Hoffnungen über die Backstreets führt, ist wohlüberlegt.

Musikalisch folgen Fallon, Gitarrist Alex Rosamila, Bassist Alex Levine und Schlagzeuger Benny Horowitz, die bei einem knapp zweistündigen Konzert in der seit langem ausverkauften Hugenottenhalle in Neu-Isenburg zu hören waren, aber anderen Spuren.

Selbstverständlich ist allein schon Fallons Stimme wegen der Boss nie weit, aber Songs wie „Great Expectations“ oder „American Slang“ hätte eine junger Springsteen auch nur geschrieben, nachdem er die Ramones und The Cure gehört hätte. The Gaslight Anthem klingen daher am ehesten so, als würde Springsteen bei Social Distortion singen. Diese Kombination aus Hingabe, Energie und mitreißenden Punk’n’Roll-Melodien, bei denen eine Ahnung von Sixties-Soul mitschwingt, erklärt vielleicht den unerwarteten Erfolg der Band, die demnächst sicher Stadien füllen wird.

In der Hugenottenhalle ging es da vergleichsweise kuschelig zu; vielleicht auch deshalb, weil die Band einige Zeit brauchte, um in Fahrt zu kommen. Der tätowierte Weiße-Unterhemden-und-Fäuste-Schüttler-Rock ist beim jüngsten Album „American Slang“ ja eher dem Midtempo gewichen.

Auch hat Fallon das Geschrei früherer Tage mit stimmigem Gesang ersetzt, was der Band gewiss neue Fankreise erschließt, das Abgeh-Potenzial aber nur noch dosiert ausspielt. Diese Verbindung von Heartland Rock und Punk, die nostalgisch und frisch zugleich klingt, atmet aber jene Sehnsucht und kanalisiert die nötige Inbrunst, die es für eine universell gültige Rock-Hymnik braucht, die das große Publikum abholen will.

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