Ein Tramp als Ziehvater

Offenbach - Wenn sich Offenbachs Capitol in einen Stummfilmpalast verwandelt, sind ausverkaufte Reihen die Regel. Von Carsten Müller

Die jüngste „Capitol Cinema Lounge“ bot gleich zwei bewegende Kapitel auf: Darius Milhauds (1892-1974) südamerikanische Fantasie „Le boeuf sur le toit“ (Der Ochse auf dem Dach) ist fast zeitgleich mit Charles Chaplins (1889-1977) Stummfilm „The Kid“ (1921) entstanden.

Als „Kino ohne Leinwand“ bezeichnete Ralph Philipp Ziegler den anregenden Klang-Film des Franzosen, der zeitweise als Botschaftsattaché in Rio de Janeiro gearbeitet hatte. Milhaud, auch Urheber einiger Filmmusiken, nannte die als Ballettmusik zur Pantomime Jean Cocteaus 1919 uraufgeführte Komposition eine „Kino-Fantasie“.

Fantasie anregend ist die Collage brasilianischer Melodien ohne Zweifel, führt der Franzose folkloristische und zeitgenössische Klänge in mitreißender Weise zusammen – geprägt von harmonischen Reibungen und jähen Tempowechseln. Vor dem inneren Auge des Zuhörers laufen Szenen ab, in denen die Melancholie eines sonnenschweren Nachmittags mit der ausgelassenen Fröhlichkeit eines Festes kontrastiert, von steten Motivwiederholungen begleitet. Souverän setzten die Musiker der Neuen Philharmonie Frankfurt unter der Leitung von Christian Schumann den Fantasy-Streifen um, waren in rhythmisch akzentuierten Passagen gar als Perkussionisten gefordert.

Das Jahrhundertgenie Charles Chaplin schuf mit „The Kid“ eine in jeder Hinsicht zu Tränen rührende Tragikomödie. Er war Regisseur, Hauptdarsteller, Autor, Cutter und Produzent in Personalunion – und schrieb im hohen Alter von 82 Jahren eine Filmmusik, die den unwiderstehlichen Charme der Geschichte um ein Findelkind und seinen Ziehvater, Chaplin als Tramp, hinreißend illustriert.

Der 53-Minüter war sein erster abendfüllender Film und birgt bei aller Sozialkritik die Ingredienzen großen Unterhaltungskinos: zu Herzen gehende Romantik, turbulenten Slapstick und eine fantastische Traumsequenz. Die Original-Musik, von Carl Davis arrangiert, grundiert das Geschehen mal federleicht, mal unheilschwanger, punktgenau umgesetzt vom Orchester und seinem Dirigenten, das von Chaplin vorangestellte Motto mit Leben füllend: „A picture with a smile and, perhaps, with a tear“ – ein Film mit einem Lächeln und, vielleicht, mit einer Träne.

Rubriklistenbild: © Miriam Trescher/pixelio.de

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