Traurigkeit in tröstende Töne umgemünzt

Johannes Brahms und Olivier Messiaen als Eckpfeiler eines ungewöhnlichen Jubiläumskonzerts: Mit dem „Deutschen Requiem“ und dem Jugendwerk „Le tombeau resplendissant“ hatte sich das hr-Sinfonieorchester zum 80. Geburtstag auf Werke geistlicher Ausrichtung besonnen. Von Klaus Ackermann

Und mit dem Schwedischen Rundfunkchor, seit Jahrzehnten zur Weltspitze zählend, sich selbst das schönste Geschenk gemacht. Der entwickelte mit den Radio-Sinfonikern unter Paavo Järvis nahezu mystischer Dynamisierungskunst einen rhythmisch-klanglichen Sog, dem sich in der Alten Oper Frankfurt kaum einer entziehen konnte.

Messiaens „Leuchtendes Grabmal“, 1931 komponiert, ist eine Art Befreiungsschlag. Der damals 23-jährige Franzose nimmt darin Abschied von seiner Jugend, ein Blick zurück im Zorn, aber auch in sehnsüchtig abgehobener Melodik auf unruhigem Grund. So heftig diese Wut über verlorene Unschuld, so energisch gehen Bläser und Kesselpauker des hr-Sinfonieorchesters zu Werke, einen Klang-Teppich auf ostinaten Rhythmen knüpfend, durchzogen von ruhigen Streicherpassagen, die auf entlegenen Intervallen fußen, ein Atemholen für den nächsten orchestralen Gewaltakt. Ein Werk, dessen Sturm und Drang der kühle Analytiker Järvi zu kanalisieren versteht. Wie er von Anbeginn an das „Deutsche Requiem“ von Brahms als strikten Trauermarsch anlegt – bei Innehalten im klingenden Gebet.

Brahms hat das siebensätzige Opus auf ausgewählte Bibeltexte mit den Polen Trauer um Todesgewissheit und glühende Jenseitshoffnung gegründet. Und er hat die ehrwürdige barocke Form mit liedhaft melodischen Einfällen und mannigfaltigen thematischen Entwicklungen aufgeladen. Höhepunkt ist „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“, eine Sarabande mit leise insistierendem und dynamisch aufbegehrendem Chor. Wie ein Wiegenlied mutet das den lebendigen Gott beschwörende „Wie lieblich sind Deine Wohnungen“ an, ein romantischer Ohrwurm, mit dem die ideal ausgewogene schwedische Spitzenformation (Einstudierung: Christofer Holgersson) zwischen Pianissimo und Mezzoforte ihr großartiges klangliches Farbspektrum entwickelt, glasklar in der Höhe und im natürlichen Legato-Fluss.

Dagegen wirkt das individuelle Bekenntnis des wohltönenden Baritons Ludovic Tézier leidlich theatralisch überzogen. Auch der Traurigkeit in Trost ummünzende Sopran von Natalie Dessay strapaziert den Ausdruck bis ins opernhaft Künstliche. „Selig sind die Toten, die in dem Herren sterben“: Der orchestral bis in Harfen- und Orgelklang empfindsam durchwirkte Schluss choral ist ein Musterbeispiel für Järvis meditativen Anspruch. Nach vielerlei Wandlung scheint er im Unendlichen zu verlöschen. Leider durchbrach ein aufdringlicher Bravo-Rufer die seelenvolle Stille.

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