Tristesse aus künstlichem Nebel

Nicht mehr ganz so schlacksig und charismatisch wie früher, aber dennoch voller Ausstrahlung: Andrew Eldritch.

The Sisters Of Mercy ist eine lebende Legende. Keine andere Band hat es in den letzten 30 Jahren geschafft, mit so wenigen Studioveröffentlichungen eine derart gigantische Anhängerschaft zu halten. Konzerte der Darkwave-Band sind bis heute stets ausverkauft. So auch im Schlachthof Wiesbaden. Dort ließ der ins Alter gekommene Andrew Eldritch die gleichen Euphoriewellen hochschlagen wie in den 80er Jahren. Von Holger Strehl

Schwarze Wolken ziehen sich am Nachthimmel zusammen, der Nieselregen peitscht vom Wind getrieben in die blass geschminkten Gesichter der in schwarz gekleideten Gestalten. Diese Ansammlung von düsteren Jüngern wartet aber nicht auf die Apokalypse oder den Beginn einer okkulten Messe. Sie sind zusammengekommen, um im Schlachthof zu Wiesbaden eine Legende zu bestaunen: The Sisters Of Mercy.

Die Band aus Leeds ist einfach Kult. Das erklärt wohl auch, warum eine Band, die seit 19 Jahren keine neuen Songs vorgelegt hat, noch immer große Hallen füllt. Die Sisters haben in fast 30 Jahren Bandgeschichte gerade mal drei Longplayer zustande gebracht. In den ersten fünf Jahren begnügte sich die Band um Kopf und Mastermind Andrew Eldritch mit Maxi-Veröffentlichungen.

Trotzdem gelang es der Darkwave-Gruppe innerhalb kürzester Zeit, eine ganz besonders treue und fanatische Fangemeinde an sich zu binden, die den Sisters bis heute die Treue hält.

Das Markenzeichen der düsteren Waver ist die eintönige, tiefe und hohl-klingende Stimme von Eldritch. Eldritch, der eigentlich Drummer werden wollte, war von den damaligen Bandkollegen ans Mikro „strafversetzt“ worden, da er leider keinen einzigen Takt halten konnte. Singen konnte er zwar auch nicht, dass aber sein dunkler Sprechgesang so frenetisch aufgenommen werden würde, ahnten die Freunde und Bandgründer Gary Marx und Andrew Eldritch sicherlich nicht. Der fehlende Drumpart wird seither von Dr. Avalanche übernommen, einem analogen Drumcomputer, der auch in Wiesbaden gewohnte Beständigkeit zeigte.

The Sisters Of Mercy bestehen in aktueller Bühnenbesetzung neben Eldritch und Dr. Avalanche aus Chris Catalyst und Ben Christo, die in die Gitarrensaiten greifen. Doch das Publikum interessierte sich nur für eine Person: Mister Sisters himself, Andrew Eldritch. Wie ein Schamane der Tristesse kroch er aus dunklen Nebelschwaden, zeigte sich kurz, um gleich darauf wieder hinter der Wand aus Rauch und dunkel-violetten Lichtkegeln zu verschwinden. Die ganzen alten Kracher von „Alice“ über „Body Electric“ bis „Doktor Jeep“ ertönten aus dem Nebel, kein Song fehlte. Wie sollte es auch anders sein? Ohne neue Songs im Gepäck bleibt dem Dunkel-Papst keine andere Wahl, als die bekannten Kamellen zu verteilen. Aus dem Verborgenen raunte er denn zum Ende seine großen Hymnen: „More“, „This Corrosion“ und natürlich den Über-Indie-Evergreen „Temple Of Love“. Dennoch gilt: Auch ohne neues Material war es ein besonderes Erlebnis, The Sisters Of Mercy live erleben zu dürfen.

Diskographie:

  • 1985: First And Last And Always
  • 1987: Floodland
  • 1990: Vision Thing
  • 1992: Some Girls Wander By Mistake
    (Compilation aller Maxis von 1980 bis 1985)
  • 1993: A Slight Case Of Overbombing
    (Best Of der drei Studioalben)

Kommentare