TV-Kritik

Virologe Christian Drosten im Illner-Talk zur Corona-Krise: „Unter der Belastungsgrenze bleiben!“

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Christian Drosten deutete an, deutet an, dass man auch unkonventionelle Wege zu gehen bereit sei.

Beim Umgang mit der Corona-Pandemie fokussiert sich die Debatte zusehends auf die sozialen Aspekte.

  • Maybrit Illner spricht mit ihren Gästen über das Coronavirus Sars CoV-2*
  • Die Gäste bei Illner: Virologe Christian Drosten, Hubertus Heil, Eckart von Hirschhausen und Susanne Johna 
  • Drosten ist bereit, auch unkonventionelle Wege zu gehen

Die Hilflosigkeit der Redaktion bei der Frage: Wie drehen wir das Thema weiter, verrät sich schon beim Titel der Sendung: „Was immer es kostet – gewinnen wir den Kampf gegen das Virus?“ wollte Maybrit Illner wissen, und eine seriöse Antwort ist da natürlich nicht möglich. Aber aus journalistischer Perspektive ist das Thema unumgänglich, und letztlich geht es ja auch darum, im Reigen der Talkshows, Sondersendungen und „Extra“-Ausgaben immer noch einmal ein paar Zuschauer vor die Glotze zu locken. Das Ansinnen, auf die x-te Variation einer TV-Sendung über Corona zu verzichten und stattdessen zum Beispiel auf den Podcast des Virologen Christian Drosten zu verweisen, würden Anne Will, Frank Plasberg und Sandra Maischbergervermutlich empört zurückweisen – zumal sie als Eignerinnen ihrer Produktionsfirmen dann auch Geld verlören. 

Aber die Finanzen der anderen rücken immer mehr in den Fokus der Berichterstattung; über die Entwicklung der Coronavirus- Pandemie lässt sich ja ohnehin nur spekulieren – und hoffen, dass die erschütternden Zahlen aus Italien sich nicht auch hierzulande einstellen mögen. Christian Drosten, Institutsdirektor der Virologie an der Charité Berlin und allseits anerkannte Koryphäe, der durch seine nüchterne Art zum Vorbild für den Umgang mit der Krise geworden ist, spricht den Faktor Zeit an: Unser Vorteil sei, dass wir „früh dran“ gewesen seien mit der Einstellung auf die Pandemie. 

Illner-Talk im ZDF zur Corona-Krise: Jugendliche machen Sorgen

Auffällig jedenfalls, dass jenseits aller Gesundbeterei sowohl von medizinischer als auch von staatlicher Seite immer wieder hervorgehoben wird, dass es uns im Vergleich zu den Nachbarn noch gold geht. Wobei die Betonung auf dem „noch“ liegt, denn die in der Frühlingssonne zu beobachtende Sorglosigkeit so vieler lässt eine weitere exponentielle Steigerung der Ansteckungen befürchten. Weshalb die Diskussion um Ausgangssperren intensiver wird. 

Hubertus Heil, Bundesminister für Arbeit und Soziales, formuliert es dann bei Illner so: „Jeder muss seinen Beitrag leisten“ – es gibt eben nur wenige Sätze, die man nicht schon gehört hat seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie. Deutlicher wird Susanne Johna, Pandemie-Beauftragte der Bundesärztekammer. Ihrem Eindruck nach habe es ein Teil der Bevölkerung „noch nicht kapiert“. Und gewohnt volksnah und emotional gefärbt lässt sich Eckart von Hirschhausen ein, Deutschlands TV-Arzt und Munter-Moderator. Die Jugendlichen machten ihm Sorgen, er mahnt sie, daran zu denken, dass sie einen Großelternteil verlieren könnten.

Illner-Talk im ZDF zur Corona-Krise: Konkrete Hilfsmaßnahmen zählen

Von Hirschhausen betont deshalb: „Wir haben es zum Teil noch in der Hand, wie schlimm es wird.“ Und die Runde macht immerhin deutlich, wie vielfältig die Probleme und die Antworten darauf sind. Da geht es um Rekrutierung von pensionierten Ärzten und Medizinstudenten oder um die Material-Beschaffung: Eben sind zehn Millionen Schutzmasken angekommen, und Hubertus Heil erwägt gar eine „Luftbrücke“ für das Einfliegen von Material und Geräten, wenn die Grenzen dicht sind. Über den Sinn der Abschottung diskutieren die Gäste gar nicht. Die konkreten Hilfsmaßnahmen zählen. Etwa den überlasteten Ärzten den Zwang zu Dokumentation ersparen: „Die Hände, die am Schreibtisch waren, können so zurück an den Patienten“, formuliert Susanne Johna. 

Der „Stresstest“, den Minister Heil für das Gesundheitssystem konstatiert, er gilt auch für die Politik selbst. Finanzminister Olaf Scholz sagt später bei Markus Lanz: „Wir sind ein sehr solider Staat“. Und Scholz wie Heil wollen nicht so leichtfertig wie ihr Kollege Peter Altmaier neulich versprechen, man könne jeden Arbeitsplatz retten. Aber Heil verspricht eine „ergänzende Grundsicherung“ für die Klein-Unternehmer und Künstler, will über Wohngeld-Erhöhung und Mietrecht nachdenken. Aber hat er die Zeit zum Nachdenken? 

Illner-Talk im ZDF zur Corona-Krise: In Deutschland wird gut getestet

Maybrit Illner, ZDF, von Donnerstag, 19. März, 22.35 Uhr. Mediathek

Es gehe erst mal darum, „unter der Belastungsgrenze“ für das Gesundheitssystem zu bleiben, sagt Christian Drosten. Denn die Erkenntnis, dass mit dem Ende der Osterferien nicht das Ende der Coronavirus-Pandemie gekommen ist, hat sich inzwischen durchgesetzt (außer vielleicht bei einigen Fußball-Funktionären). Und auf einen Impfstoff werden wir bis zum kommenden Jahr warten müssen. Der Virologe deutet an, dass man auch unkonventionelle Wege zu gehen bereit ist, etwa was die Nutzung des Serums gegen Ebola angeht, da müsse man „noch ein zweites Mal nachdenken“ .

Immerhin werde in Deutschland gut getestet, sagt Drosten, auch wenn die Zahl der Tests linear, die Coronavirus-Pandemie aber exponentiell zunähme. Der Politiker lobt den Wissenschaftler und hat auch eine Erkenntnis gewonnen: „Wir brauchen mehr Wissenschaftsjournalismus.“ Könnte sich ja auch beim Klima-Komplex auszahlen ...

Von Daland Segler

Die Corona-Krise hat in Deutschland eine Debatte über den Sinn und Unsinn von Ausgangssperren entfacht. Lesen Sie dazu den FR-Kommentar: Ausgangssperre? Wenn, dann nur aus den richtigen Gründen!*

„Deutschland im Ausnahmezustand – gewinnen wir den Kampf gegen das Coronavirus?“ lautet die Frage bei Anne Will – Mediziner zeichnen düsteres Szenario.

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