„Play“, ARD

„Play“: Kämpfe in der Fantasy-Welt

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Jennifer Reitwein (Emma Bading) schaut sich die virtuelle Waffe in ihrer Hand an.

Vorzüglich gespieltes und glaubwürdig erzähltes Jugenddrama mit Emma Bading als 17-Jährige, die sich immer mehr in der Welt eines Fantasy-Spiels verliert.

Vor drei Jahren hat die ARD den Film „Das weiße Kaninchen“ gezeigt, ein clever konstruiertes Krimidrama über düstere Verführer und die Abgründe, die im Internet lauern: Ein erwachsener Mann erschleicht sich auf perfide Weise in einem Chat das Vertrauen einer Dreizehnjährigen. In „Play“ geht es um ein ungleich alltäglicheres Phänomen, über das sich viele Eltern Sorgen machen: Ein Mädchen verliert sich in der virtuellen Welt eines Computerspiels. Regisseur Philip Koch hat das Drehbuch gemeinsam mit dem Produzenten des Films, Hamid Baroua, geschrieben. „Play“ ist dem bescheidenen Titel zum Trotz in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.

Die Inszenierung konzentriert sich fast ausschließlich auf die zentrale Rolle, sodass Hauptdarstellerin Emma Bading in jeder Szene präsent ist; das ist schon mal ziemlich mutig. Andererseits besteht am Talent der jungen Schauspielerin nicht zuletzt dank der „Usedom-Krimis“ (dort spielt sie die Enkelin der von Katrin Sass verkörperten ehemaligen Staatsanwältin) kein Zweifel. Bading ist auch deshalb eine gute Wahl, weil Hauptfigur Jennifer keine Schulhofschönheit ist. Sie ist 17, neu auf der Schule, findet nicht so recht Anschluss und hat nicht gerade das beste Selbstvertrauen; als sich ihre Mitschülerinnen beim Shoppen über ein hässliches Mädchen unterhalten, bezieht sie die Aussagen prompt auf sich. Das ändert sich grundlegend, als sie auf Avalonia stößt.

Fast so echt wie die Realität

In der virtuellen Realität des Online-Spiels erschaffen die Teilnehmer einen Avatar, also ein virtuelles Alter Ego, und bestreiten Kämpfe in einer Fantasy-Welt. Dank VR-Brille fühlt sich das zweite Leben fast so echt an wie die Wirklichkeit, in der sich Jennifer immer weniger zurechtfindet. Es kommt, wie es kommen muss: Ihre schulischen Leistungen lassen rapide nach, sie hat immer öfter Ärger mit ihren Eltern (Oliver Masucci, Victoria Mayer) und denkt sich ständig neue Raffinessen aus, um das Computerverbot zu umgehen. Als der Vater schließlich ausgerechnet unmittelbar vor dem Erreichen des höchsten Levels den Stecker zieht, verschwimmen für Jennifer endgültig die Grenzen zwischen virtueller Realität und Wirklichkeit. Es gelingt ihr tatsächlich, ihren übermächtigen Widersacher aus dem Spiel doch noch zu besiegen; aber zu einem beinahe tödlichen Preis.

Philip Koch gehört zu den wenigen Regisseuren, die sich den Elan und den Mut ihrer Anfangsjahre bewahrt haben; den meisten werden die Ideale im Fernsehalltag ausgetrieben. Kochs Debüt, „Picco“ (2011), war ein grausamer Gefängnisfilm, in der Satire „Outside the Box“ (2016) lief ein Wochenendseminar grotesk aus dem Ruder. Seither hat er vier „Tatort“-Beiträge gedreht, die völlig unterschiedlich, aber ausnahmslos sehenswert waren, darunter ein spritziger Krimi aus dem Münchener Porno-Milieu („Hardcore“, 2017) sowie ein Thriller aus Bremen („Blut“, 2018), in dem eine junge Vampirin ihre Mitbürger meuchelt. „Play“ ist in praktisch jeder Hinsicht erneut ein völlig anderer Film, zumal die Handlung immer wieder in die virtuelle Realität wechselt.

„Play“: Die Botschaft ist offenkundig

Die entsprechenden Bilder mögen nicht die Qualität großer Hollywood-Produktionen haben, weil das Budget eines Fernsehfilms im Vergleich lächerlich winzig ist, aber sie erfüllen nicht bloß ihren Zweck, sondern sind durchaus eindrucksvoll. Dank eines simplen Kniffs lässt sich außerdem unmittelbar nachvollziehen, warum Jennifer die Elbenwelt der Wirklichkeit vorzieht: Während Koch und der erfahrene Kameramann Alexander Fischerkoesen den Alltag in eine kühle dunkle Atmosphäre getaucht haben, sodass selbst Sonnenschein keine echte Wärme aufkommen lässt, erstrahlt Avalonia in satten, hellen und freundlichen Farben. Hier begegnet Jennifer auch dem Avatar ihres bislang stets nur aus der Ferne angeschwärmten älteren Mitschülers Pierre (Jonas Hämmerle), mit dem sie sich dann auch im echten Leben verabredet. Als Pierre Avalonia hinter sich lässt, weil er fürs Abi lernen muss, schimmert kurz die Hoffnung auf, auch Jennifer könne den Absprung schaffen, aber letztlich benützt sie Pierre bloß, um das radikale Internetverbot ihrer Eltern zu umgehen.

Es kommt zur Verschmelzung beider Welten

Neben der Arbeit mit seiner jungen Hauptdarstellerin liegt das größte Verdienst des Regisseurs womöglich im Verzicht auf jegliche Didaktik: Die Botschaft von „Play“ ist offenkundig, aber er hat es geschickt vermieden, dass die Geschichte unter dem Motto „Achtung, Gaming kann süchtig machen!“ steht. Koch verhehlt keineswegs, welche Magie von solchen Spielen ausgehen kann, wie die Kinomusik von Michael Kadelbach unterstreicht. Jennifers Ausflüge in die Parallelwelt fallen – vermutlich aus Kostengründen – allerdings nur kurz aus. Anstelle ihres kämpfenden Avatars zeigt der Film in den entsprechenden Szenen meist die junge Frau, die in ihrem Zimmer ein anmutiges Ballett aufführt, während sie sich in der virtuellen Realität gegen Angreifer wehrt oder Pfeile verschießt.

Dank Badings intensivem Spiel ist im Grunde auch eine erklärende Nebenebene überflüssig, die sich wie ein roter Faden durch die Handlung zieht: Im Gespräch mit einer Psychiaterin (Ulrike C. Tscharre) schildert Jennifer, wie die virtuelle Realität für sie immer mehr zur Wirklichkeit geworden ist. Ungleich stärker ist der Film, wenn er Bilder sprechen lässt. Höhepunkt von „Play“ ist die Verschmelzung beider Welten, als sich Jenny und ihr Avatar von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen und für den vermutlich ungewöhnlichsten Kuss der deutschen Fernsehfilmgeschichte sorgen.

von Tilmann P. Gangloff

Informationen zur Sendung

„Play“, 11.9., 20.15 Uhr, ARD
Die Sendung in der Mediathek

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