U-Bahn-Kontrollöre auf Abschiedstour

Meistersänger im Handkäs-Zelt

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Lichtgestalten: Die A-cappella-Formation ist für spektakuläre Auftritte bekannt.

Offenbach - Ein letztes Mal sind die U-Bahn-Kontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern auf Tournee. In der Offenbacher Stadthalle bestritt die A-cappella-Formation eines ihrer letzten Konzerte. Von Thomas Ungeheuer 

„Ist das schwarzer Regen, der vom Giebel der Halle rieselt?“ Argwöhnisch schaut Kontrollör Matthias nach oben. Wobei man nur erahnen kann, von was der Sänger mit dem vollen, stacheligen Haar spricht. Doch selbst wenn er eher unappetitliche Beschreibungen einer rätselhaften Gefahr macht, scheint das Publikum blindes Vertrauen zu haben: Es ängstigst sich keinen Augenblick. Dabei wirkt der Sänger alles andere als seriös in seinem schwarzweiß-karierten Rock, den er zweimal recht freizügig hebt, um den Blick auf schwarze Wäsche zu gewähren. Ein Übermut, der vielleicht daher rührt, weil er und seine „vier Kellerasseln“ es als „Ritterschlag“ empfinden, in der Stadthalle auftreten zu dürfen.

Doch ob Stolz, Freude, oder Übermut die U-Bahn-Kontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern beflügeln, ihre Fans versetzen sie in allerbeste Laune. Dabei sah dies zu Anfang des fast zweistündigen Konzerts anders aus. Schließlich ist selbst eine gelungene A-cappella-Version von „Firestarter“, im Original von The Prodigy, kein Lied, das für positive Stimmung sorgt. Aber schon mit dem Evergreen „In der Pubertät“ sind die Zuschauer zwar nostalgisch beschwingt, aber ganz im Hier und Jetzt des Abschlusskonzerts der „Mini-Tour“ angekommen, die das Quintett durch Hessen und Rheinland-Pfalz führte. Es ist ein Fest für Augen und Ohren, wenn Harry, Seb, Filippo, Olli und Matthias, deren Wege sich eigentlich 2009 getrennt hatten, wieder gemeinsam auf der Bühne stehen. Wie anrührend sie doch „Fantasy“ von Earth, Wind & Fire interpretieren. Gesanglich geschieht dies mit vollendeter Harmonie, die sich visuell in einer angenehm unspektakulären Tanzchoreografie spiegelt.

Doch können diese Künstler vor allem eines: respektlos sein. Tragen doch ihre Gesten und Worte oftmals arg Anzügliches und Anrüchiges in sich. Nicht nur, dass sie dem Michel aus Lönneberga eine massive Neigung zum „Sadomaso“ unterstellen. Auch weisen die Kontrollöre selbst schamlos auf ihr „Handkäs-Zelt“ hinter der Bühne hin, in dem sie immer wieder zum Inhalieren abtauchen, um neue Energie zu tanken. Energie, die sie dringend brauchen, wenn sie in folkloristischen Kostümen „Moskau“ von Dschinghis Khan vortragen, Olli als „Mr. 9-Volt-Blockbatterie“ den Chanson „Natalie“ singt oder Liedermacher Reinhard Mey parodiert und in das reizende Kostüm der süßen Biene Maja schlüpft.

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Nach all den Jahren der Bühnenabstinenz erweisen sich die U-Bahn-Kontrollöre ganz ohne Zweifel als furchtlose Meistersänger, denen man letztlich glaubt, wenn sie einträchtig mit den Worten von Rammstein bekunden: „Ich will kein Engel sein.“

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