Zeitlos mit Zeppelin und Zigarre

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Mann mit Botschaft: Deutschrocker Udo Lindenberg war der Mittelpunkt einer an Einfällen sprühenden Revue.

Frankfurt - Der macht sein Ding, seit Jahrzehnten und seit ein paar Jahren wieder erfolgreicher denn je: Udo Lindenberg tourt nach fast vierjähriger Live-Abstinenz mit großer Show. Von Dirk Fellinghauer

Das Konzert in der seit langem ausverkauften Frankfurter Festhalle erklärte der Panikrocker kurzerhand zur Premiere.

„Das gestern in Mannheim war mehr so eine Generalprobe, heute hier in Frankfurt ist unser erstes richtig großes Ding“, schmeichelt er dem Publikum, das er schon vor dem Einschweben in die Halle auf seiner Seite hatte. Ein Zeppelin brachte den 65-Jährigen an seinen Arbeitsplatz. Hut, Sonnenbrille, Nuscheln und Bodyguard Eddy Kante sind die verlässlichen Zutaten eines jeden Lindenberg-Auftritts. Das war es aber auch schon mit Vorhersehbarkeit. Alles andere ist Überraschung. „Wir haben hier eine große Wundertüte. Macht Sie auf“, verkündet er zum Auftakt . Zweieinhalb Stunden später weiß ein begeistertes Publikum, dass der Vergleich nicht treffender hätte ausfallen können.

Schon lange nicht mehr ist auf der Konzertbühne eines Künstlers, zumal eines deutschen, so viel passiert wie in dieser in allen Dimensionen gigantischen Produktion: Riesige Skyline-Kulisse, punktgenaue Lasershow, Artisten am Boden und in der Luft, Nebelfontänen, Kostüme, Requisiten, Vampir-Auftritt, stimmgewaltige Überraschungsgäste – mitunter gerät das Geschehen zur verrückten Revue, in der die Ideen einfach nicht ausgehen wollen.

Lasershow, Vampire und grüne Socken

Und dann sind da ja noch Songs von Udo Lindenberg, die sich in vier Jahrzehnten angesammelt haben. Uralte Hits klingen aktuell wie eh und je („Wozu sind Kriege da“ mit dem Gastauftritt eines Kinderchors oder der Anti-Nazi-Song „Sie brauchen keinen Führer“). neue Stücke auf wundersame Weise wie Klassiker. Mit dem Panikorchester rockt der Sänger wild drauf los, ist aber ebenso Spezialist für Gänsehaut-Balladen und herzzerreißende Liebesgeschichten.

Den „Unplugged“-Teil absolviert Lindenberg auf einer kleinen Bühne in der Hallenmitte, zieht seine Schuhe aus, singt auf grünen Socken und berichtet erfreut von (an diesem Abend allerdings kaum vertretenen) vielen neuen jungen Fans: „Die wissen dann gar nicht, was ich sonst so gemacht habe. Die sagen, hey, da ist so ein neuer Sänger auf dem Markt, so einer mit Hut.“ Andere kennen natürlich die spektakuläre und wechselhafte Erfolgsstory mit 34 Studioalben, sechs Greatest-Hits-Platten, sieben Live-Einspielungen und dem jüngsten Dauerabo auf Spitzenplätze in den Charts.

„Nazischweine“ stören Traum der bunten Republik

Jungen wie alten Fans hat Lindenberg, dessen Geschichte mit dem „Mädchen aus Ostberlin“ längst als Musicalversion Erfolge feiert, nicht nur etwas zu singen, sondern auch viel zu sagen. Er nuschelt lockere Sprüche am Fließband („Die Nachtigall ist heute ein bisschen heiser, wegen der ganzen Proben und Jodelei vorher schon“), hat aber auch ernsthafte klare Botschaften im Gepäck. Kein Geschwafel, sondern sehr deutliche Worte findet er für, oder besser gesagt gegen „die Nazischweine“ im eigenen Land, die seinen Traum von der „Bunten Republik Deutschland“ stören („Die Farbe Braun passt da gar nicht rein“). Genauso vehement wettert er gegen Putin, Assad und die chinesische Führung.

Die Wut bleibt aber im Konzertverlauf wohldosiert im Vergleich zur positiven Energie und überschäumenden Spielfreude, für die der Löwenanteil des starken Abends reserviert ist, der in einem furiosen Finale mit den Gassenhauern „Sonderzug nach Pankow“ und „Andrea Doria“ mündet. Bevor die Nachtigall wieder im Zeppelin davon schwebt, darf ein ausführlicher, ehrlich klingender Dank an alle Beteiligten der Wahnsinns-Show nicht fehlen. Mit dicker Zigarre und einem besinnlichen „letzten Ahoi“ verabschiedet sich ein grandioser Künstler.

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