Überschäumender Orchesterklang

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Komponist Rolf Rudin bricht eine Lanze für die sinfonische Blasmusik.

Offenbach - Den Elfenbeinturm atonaler Eigenbrötler hat er nie betreten. Rolf Rudin steht der Sinn eher nach melodischer Schönheit und Klangsinnlichkeit. Von Klaus Ackermann

Von überschäumender Fantasie ist auch „Bacchanale“, deren Version für Sinfonieorchester am Sonntag um 17 Uhr in der Capitol Classic Lounge uraufgeführt wird. Dem Übertitel „Farbexplosionen“ spielt die Neue Philharmonie Frankfurt noch mit Mendelssohns Violinkonzert (Solistin: Julia Becker) und Dvoraks Sinfonie Nr. 7 zu. Es dirigiert Jens Troester, Generalmusikdirektor in Gera.

„Prophet, der auch im eigenen Land etwas gilt“

Der in Erlensee lebende, international geschätzte Frankfurter Komponist ist ein „Prophet, der auch im eigenen Land etwas gilt“, sagt Dr. Ralph Philipp Ziegler, Offenbacher Kulturchef und künstlerischer Leiter der Philharmonie, der schon 2009 eine Aufführung des Konzerts fürs rare Blechblasinstrument Euphonium und Orchester im Offenbacher Capitol ermöglichte und im Vorfeld zum 50. Geburtstag des Komponisten dessen Porträt konzertant zeichnen lässt.

Dazu gehörte die Kammermusik „Senza Piano“ im Konferenzsaal der Sparkasse Offenbach, auch mit Werken des Rudin-Lehrers Bertold Hummel und dessen Mentors Harald Genzmer, vom Publikum begeistert aufgenommen. Für Rudin sind diese Konzerte, neben Offenbach noch in Hanau, im Kreuzburggymnasium Großkrotzenburg und im Barbarossasaal von Gelnhausen, eine Art „festgehaltene Biografie“. In unseren Zeiten der Uraufführungskultur (will heißen: einmal und nie wieder) seien weitere Aufführungen immer wichtiger, sinniert er.

„Eine völlig neue, überschwappende Klanglichkeit“

Damit hat Rudin freilich keine Schwierigkeiten, dessen Werke auf vielen Kontinenten gespielt werden, sogar in der legendären New Yorker Carnegie Hall. Hat er doch schon immer eine Lanze für sinfonische Blasmusik gebrochen, weit entfernt von der so genannten Dicke-Backen-Musik. Auch „Bacchanale“ ist ursprünglich für Bläser geschrieben, vom Rundfunk-Blasorchester Leipzig 1990 uraufgeführt. Die Fassung für Sinfonieorchester, an der Rudin knapp sechs Wochen gefeilt hat, „bringt eine völlig neue, überschwappende Klanglichkeit“, so der Komponist. Die ursprüngliche Struktur einer langsamen Einleitung, die in einem sehr schnellen Teil bis hin zum zwölftönigen Orchester-Akkord gesteigert wird, bleibe erhalten, doch in Sachen Dynamik – also zwischen laut und leise – passiere viel mehr.

Mittlerweile hat es Rolf Rudin, der am liebsten nachts im Gartenhäuschen komponiert, auf die Opuszahl 80 gebracht, musikerzieherische Werke nicht mitgezählt. Mit dem kulturellen Offenbach ist er eng verbunden, auch durch seine Ehefrau Brigitte, die an der Marienschule unterrichtet. Derzeit arbeitet er an Werken fürs Musikzentrum im elsässischen Guebwiller, für ein US-Consortium in Chicago und für die Chor-Messe „chor.com“ in Dortmund. Doch bevor Rudin zu Notenpapier und Bleistift (!) greift, muss er sich „musikalisieren“. Das gehe am besten mit Johann Sebastian Bach. Am Klavier.

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