Wigbert Traxler bei „Lieder und Töne“

Überschäumendes Spieltemperament

Offenbach - Werner Fürsts Lauterborner Konzertreihe „Lieder und Töne“ lebt in Offenbachs Paul-Gerhardt-Gemeinde weiter – am gleichen Konzertflügel. Von Reinhold Gries

Der Frankfurter Pianist Wigbert Traxler, ein Virtuose von überschäumendem Spieltemperament, wusste ihm bekannte Möglichkeiten des Instruments zu nutzen in Klaviersonaten von Bach bis Schubert, die man von ihm kaum gehört hatte.

Bei Johann Sebastian Bachs c-Moll-Fantasie, dem Experimentalwerk von 1735 zur Erkundung der Sonatenform, setzte Traxler auf Prägnanz. Beruhigte Episoden wechselten mit kraftvoller Spannung und fast unbachisch Gespieltem, bei dem barockes Maß hinter der Expression zurückstand. Auch bei Joseph Haydns c-Moll-Sonate von 1771 ließ sich Traxler wenig auf Musikhistorie ein. In enormem Tempo eilte er vom elegischen Terzenthema zu dynamischen Passagen und rauschenden Arpeggien.

Anschließend Ludwig van Beethovens „Grande Sonate“ Es-Dur von 1797, bei der Traxler seine Register voll ziehen konnte. Zuweilen grenzenlose Klangfluten machten hörbar, wie leidenschaftlich sich Beethoven in die Widmungsträgerin des Werkes, Comtesse Babette von Keglevics, verliebt hatte. Traxler illustrierte das in elementaren Klangbildern, hüpfendem Staccato und kühnen Sprüngen aus dem Lyrischen heraus, stürmische Phantasien immer neu in feine Form zurückführend. Nach kraftvoll gehämmerten Akkorden umso eindrucksvoller das einsame „Largo con grande espressione“ mit weichen Melodien und stiller Meditation. Im Allegro folgten auf galante Spielfiguren hart gerissene Fortissimo-Akkorde, auf musikalische Lichtvisionen ein graziöses Scherzo und kantables Rondo, das nur großen Beethoven-Interpreten so gelingt.

Mit Wolfgang Amadeus Mozarts Salzburger Es-Dur-Sonate von 1774 geleitete Traxler zurück in die galante Welt des 18-jährigen, auch in der Oberstimmenmelodik an Johann Christian Bach anknüpfend. Im lyrischen Nachtigallengesang, Menuett-Mittelsatz und Kontrast von grazilem Diskant und gewichtigem Bass im fast improvisatorischen Finale war zu spüren, wie weit das Salzburger Genie über Bachs Sohn hinausging.

Franz Schuberts Klaviersonate c-Moll, eine der drei vor seinem Tode 1828 geschriebenen, beendeten den typisch klassischen Kampf zwischen Haupt- und Nebensatz zugunsten romantischer Ganzheit und Farbenfülle.

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