Olaf Joksch und Michael Veit gestalteten die Abendmusik in der Französisch-Reformierten Kirche

Übervater Bach wirkt lange nach

Kein anderer Komponist der gesamten Musikgeschichte ist derart häufig zum Gegenstand der Bearbeitung durch Protagonisten folgender Epochen geworden wie Johann Sebastian Bach.

Seine Wirkung reicht bis zu den Komponisten der Zweiten Wiener Schule, den an sie anknüpfenden musikalischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts und den postavantgardistischen Zeitgenossen; auch dem Jazz ist Bach über praktisch all seine Entwicklungsstufen hinweg ein unerschöpfliches Thema.

Von der Beethovenzeit bis in die Vormoderne: Dies war das zeitliche Spektrum der Beschäftigung mit Bachs Erbe im Konzert mit dem Cellisten Michael Veit und Olaf Joksch am Klavier in der Abendmusik-Reihe der Offenbacher Französisch-Reformierten Kirche, mit dem Joksch seine antizyklische, im April in St. Paul begonnene Trilogie um Bach abschloss.

Der von Brahms protegierte Italiener Ferruccio Busoni nahm in seinem 1907 veröffentlichen „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ viele alsbald vom Kreis um Schönberg und seine Schüler verwirklichte Entwicklungen vorweg. Bach war ihm zeitlebens ein Leit stern. Seine Transkriptionen, zu Lebzeiten heftig umfehdet, sind heute die präsentesten Teile im weitgehend verschütteten Werk eines zu entdeckenden Komponisten. Die Fantasia nach Bach für Klavier, Busoni-Verzeichnis 253 von 1909, lässt im spätromantischen Zusammenhang deutlich die Tendenz zur Auflösung des tonalen Systems erkennen.

Jede Bearbeitung ist selbstverständlich vom Geist ihrer Zeit erfüllt. Robert Schumann hat Bachs dritter Violoncello-Suite in C-Dur eine eher zurückhaltende „romantische“ Klavierbegleitung beigegeben. Weit mehr als nur eine begleitende Rolle kommt dem Klavier indes in den auf das Jahr 1924 zurückgehenden drei Choralvorspielen nach Bach von Zoltán Kodály (1882-1967) zu. Gerade im Klavierpart sind sie mitunter von beinahe volksmusikalischer Rasanz, der sich eine untergründige Analogie zu dem vom Spätromantiker verfolgten Projekt einer ungarischen musikalischen Nationalsprache beimessen lässt.

Der noch stark von Beethoven beeinflusste tschechisch-deutsche Pianist Ignaz Moscheles hingegen lässt in seinen Melodisch-contrapunktischen Studien über zehn Präludien aus dem Wohltemperierten Klavier mit einer zusätzlichen Cellostimme op. 137a von 1863 einen ausgeprägt romantischen Ausdruckswillen erkennen.

Die ideale Kombination eines entwickelten rhetorischen Vermögens mit einem einlässlichen Verständnis für die Gedankenwelten der Komponisten und die daraus resultierende Perspektive auf das Ausgangsmaterial lässt Michael Veit und Olaf Joksch durchweg genau den Nerv treffen. Beide Musiker verfügen über fabelhafte Differenzierungskunst, verbunden mit einer traumwandlerisch zuverlässigen wechselseitigen Abstimmung. STEFAN MICHALZIK

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare