Melody Gardot

Unaufdringlich und fesselnd zugleich

Mit solch einer Geschichte käme selbst eine Rosamunde Pilcher nicht durch: Junge Frau wird bei einem Verkehrsunfall schwerstverletzt und findet erst über eine Musiktherapie halbwegs wieder ins Leben zurück. Sie nimmt für sich einige Songs auf, die ein Freund später ins Internet stellt. Die Welt hört diese Lieder und ein Star ist geboren.

Die amerikanische Sängerin Melody Gardot ist zwar noch auf dem Weg, möglicherweise ein Star zu werden, doch ansonsten ist der oben geschilderte Plot ihre Lebensgeschichte, der fast mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird als Gardots mittlerweile auf zwei Alben erhältlicher Musik. Dabei ist Gardot nicht etwa ein bedauernswerter Freak, der auf allen Vieren Bühnen erklimmen muss, sondern eine aparte blonde Frau, die ihren Gehstock wie ein beiläufiges Accessoire zu verwenden versteht.

Gesanglich benötigt die 24-Jährige ohnehin keine Stütze. Was Melody Gardot im ausverkauften Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt bei ihrem einzigen Deutschland-Konzert bot, war eine Lehrstunde darin, wie raffiniert und doch einfach, zudem noch schlichtweg schön, Unterhaltungsmusik klingen kann. Denn Gardots wie hingetupft wirkende Songs, die zu gleichen Teilen ihre Inspiration aus dem Jazz, dem Blues und dem Folk beziehen, sind Unterhaltung im besten Sinne. Gerade die Lieder von ihrem zweiten Album „My One and Only Thrill“ haben jene Qualität, die guten Bar-Pianisten zugeschrieben wird - unaufdringlich und fesselnd zugleich. Die glänzenden Arrangements, die mit der Nähe zur musikalischen Improvisation eher kokettierten als die Zügel fahren zu lassen, taten ein Übriges, um das knapp hundertminütige Konzert von Melody Gardot und ihrer fein aufspielenden Band schon jetzt zu den großen Musikereignissen in diesem Jahr zählen zu können.

CHRISTIAN RIETHMÜLLER

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