Unerhörte Weihnachtslieder

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Mangelnder Zuschauerzuspruch in Offenbachs Marienkirche focht den von Gerhard Jenemann hervorragend geleiteten Süddeutschen Kammerchor wenig an.

Offenbach - Mangelnder Zuschauerzuspruch in Offenbachs Marienkirche focht den von Gerhard Jenemann hervorragend geleiteten Süddeutschen Kammerchor wenig an. Von Reinhold Gries

Scheinbar bekannte Weihnachtslieder wie „Alle Jahre wieder“ (Silcher), „Vom Himmel hoch“ (Hassler), „In dulci jubilo“ (Gesius) und „Es ist ein Ros entsprungen“ (Praetorius) glaubte mancher zum ersten Mal zu hören, denn der Cantus firmus des Liedguts war Grundlage historischer wie moderner Bearbeitung. Dazwischen gab es glanzvolle Solisteneinlagen. Chorsopranistin Annika Gerhards sang, begleitet von Stephan Adam am Orgelpositiv, Johann Sebastian Bachs „Ich steh an deiner Krippen hier“ mit traumhaft schöner Stimme. Im Trio begeisterten Desiree Hall (Sopran), Regina Wahl (Alt) und Georg Thauern (Bass) mit Graham Bucklands „Quando nascette Ninno“.

Ihr Meisterstück hatten die (Chor-)Solisten samt Tenor Thomas Löffler in Alessandro Grandis 400 Jahre altem Concerto „Missus est Gabriel“ für Soli, Chor und Basso Continuo abgeliefert. Chor und Solisten nutzten den Chorraum aus, um ausgreifend Wechselgesänge im San-Marco-Stil erklingen zu lassen.

Hochkarätige Weihnachtsüberraschungen

Dass der vor 40 Jahren gegründete Chor zu den besten in Deutschland gehört, wurde auch in Lucas Osianders vierstimmigem Satz „Nun komm der Heiden Heiland“ in Bachs Version, in „Macht hoch die Tür“ in Max Regers fünfstimmiger Bearbeitung und in Johannes Brahms’ prachtvoller vierstimmiger Motette „O Heiland reiß die Himmel auf“ offenbar. Raffinierte Kontrapunktik ging grandios mit spätromantischem Gefühlston zusammen.

Geradezu spielerisch gingen die Süddeutschen mit diffizilstem Stimmengeflecht in Francis Poulencs „O magnum mysterium““ für vier bis sechs Stimmen um. Zum Oberton-Festival gerieten Heinrich Poos’ Frauenchor-Kompositionen „Als ich bei meinen Schafen wacht“ und „Kommet ihr Hirten“.

Hochkarätige Weihnachtsüberraschungen bot Organist Stephan Adam, nicht nur bei der sechsstimmigen Darbietung seiner Eigenkomposition „Ich brach drei dürre Reiselein“. Der vermeintliche Chorsänger entpuppte sich in Jan Pieterszoon Sweelincks chromatischen Rückungen und Echo-Fantasien ebenso als Tastenvirtuose wie in der variationsreich dargebotenen Suite zu Girolamo Frescobaldis barocker „Partite sopra la follia“. Dazu hatte Rezitator Georg Thauern ein „Schmankerl“ parat: Bertolt Brechts „Paket des lieben Gottes“ führte zwar ins Chicagoer Arbeitslosenmilieu von 1908, wirkte aber wie eine aktuelle Zustandsbeschreibung der Weltlage. Wenigstens die winterliche Geschichte vom Michigansee erfährt eine hoffnungsvolle Wendung...

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