Unheiliger Graf nutzt die Gunst des Augenblicks

Zünftig wird in See gestochen. Auch wenn sich der gigantische rote Schiffsbug inmitten eines Meers aus auf gusseisernen Leuchtern drapierten Kerzen auf der idyllisch gelegen Freilichtbühne des Hanauer Amphitheaters befindet. Von Ferdinand Rathke

Um die Illusion perfekt zu machen, ertönt gleich mehrmals ein Nebelhorn, und eine Stimme aus dem Nichts bittet beim ersten von zwei seit Wochen komplett ausverkauften Konzerten das reichlich heterogene Publikum gleich diverser Altersklassen sich doch bitteschön unmittelbar auf die Plätze zu begeben, da die Reise gleich beginnen wird. Schließlich rückt auch noch das Meer im gleichnamigen Intro per Videoeinspielung über eine dekorativ im Bühnenbild kaschierte Leinwand ins Blickfeld. So viel Sehnsucht nach Ferne verkörperten im deutschsprachigen Raum zuletzt Freddy Quinn, Lale Andersen, Melina Mercouri und Lolita – und das ist rund 50 Jahre her.

Sehr lebendige Gestik

Verantwortlich für jede Menge Seemannsgarn in rund zwei Stunden zeichnet sich „Der Graf“. Ein schlanker, hochgewachsener Kahlkopf in biederem schwarzem Anzug zu blütenweißem Hemd und ordentlich geknoteter Krawatte. Mit der irritierenden Aura eines blutrünstigen Vampirs geht der Frontmann von Unheilig immer wieder auf Tuchfühlung mit zahllosen weiblichen wie männlichen Bewunderern, die voller Sehnsucht ihm Arme und Hände entgegen recken, während der Träger eines kuriosen Barts verblüffend ähnlich wie Rammsteins Sänger Till Lindemann Hartes wie „Unter Feuer“, „Maschine“ oder „Abwärts“ zu einer Mixtur aus Metal und Elektro-Pop schmettert. Sehr lebendig gestaltet sich dabei die Gestik vom Graf, als hätte er entweder in seiner Kindheit zu viel ZDF-„Hitparade“ geschaut oder seine Sozialisation als Waldorfschüler erfahren.

Lächeln auf dem sonst steinernen Gesicht

Clever recyceln Unheilig längst Etabliertes, um es sich so geschickt einzuverleiben, als wäre das 1999 aus der Taufe gehobene Aachener Quartett selbst Geistes Vater. Aufgegangen ist die Rechnung jedenfalls, seit das siebte Album „Große Freiheit“ sowie die Auskoppelung „Geboren um zu leben“ wochenlang die Media Control Charts auf vorderen Rängen dominierte.

Keiner scheint glücklicher über die gegenwärtige Situation zu sein, als „Der Graf“, der sein wahres Alter und seine Herkunft als geheime Verschlusssache betrachtet. Immer wieder huscht dem doch so auf Ernsthaftigkeit erpichten Animateur ein Lächeln übers sonst steinerne Gesicht. Schließlich hat er nach intensiv langer wie harter Arbeit endlich den Jackpot geknackt. Dass er den momentanen Zustand möglichst lange konservieren möchte, macht der Adelige ohne echten Adelstitel unmissverständlich klar mit dem Gebot der Stunde: „Für immer“.

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