Unter gutem Stern

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Wohlgelaunt: Dee Dee Bridgewater bewies in der Alten Oper ihr Herz fürs Unterhaltungsfach.

Frankfurt - Zeitgenössische Jazz-Diven gibt es mannigfach. Manche haben sich aufs Balladenfach spezialisiert, andere sind Popsängerinnen, die sich bestimmter Stilmittel des Jazz bedienen. Von Stefan Michalzik

Eine Minderheit führt jene improvisatorisch geprägte Tradition weiblichen Jazz-Gesangs fort, die einst Ella Fitzgerald und Billie Holiday begründet haben.

Mit Billie Holiday hat sich Dee Dee Bridgewater schon Mitte der 80er Jahre beschäftigt, die Rolle der Musikerin in einem Musical gespielt. Beim Publikum war diese imitatorische Annäherung ein Erfolg, für Bridgewater selbst ein Debakel samt Nervenkrise, erzwungener Gesangspause und psychiatrischer Behandlung. Die erneute Beschäftigung mit Holiday steht unter einem besseren Stern: Das mit dem Album „Eleonora Fagan (1915-1959): To Billie with Love from Dee Dee“ einhergehende Programm mit Songs aus der Feder und dem Repertoire Billie Holidays, mit dem die neuerlich kahlköpfige, bald 60-jährige Sängerin in Frankfurts Alter Oper gastierte, lässt überzogene Nähe zum Vorbild nicht erkennen.

Bridgewater hat sich immer wieder mit der Tradition beschäftigt, etwa mit Horace Silver, Ella Fitzgerald und dem Komponisten Kurt Weill, zuletzt mit dem musikalischen Erbe Malis. Ihr geht es nicht um Traditionsverwaltung, vielmehr um eine Fortschreibung. Die clownesk veranlagte, der Plauderei zugeneigte schwarze Sängerin, der ihre fiebrige Indisposition ohne Bekunden nicht anzumerken gewesen wäre, hat gleichsam die Lieder Holidays von der Urheberin entfernt.

Ungeachtet des instrumentalen Umgangs mit der Stimme ist der Gestus erzählerisch. Gemeinsam mit dem aufeinander eingespielten Quartett wird auf Grundlage des modernen Mainstreams musiziert. Bei aller spielerischen Freiheit und improvisatorischen Ausflugsfreudigkeit geht es primär um den Song-Kern und die Vermittlung seines Gehalts. Billie Holiday war keine Pathetikerin, und nur einige ihrer Stücke, „Strange Fruit“ etwa, gestaltete sie als Melodram. Ihre einmalige Stimme „sprach“ weit über den Text hinausgehend von den Fährnissen des Lebens.

Bei aller Kunstfertigkeit, und bei allem, was über reine Kunstfertigkeit hinausgeht, genügt sich Bridgewaters Zugang im Musikalischen. Eine Tiefe lässt sie nicht spüren. Ankreiden muss man dies der wohllaunigen Dame nicht. An Stelle des ausgeprägten Kunstwillens, den Cassandra Wilson erkennen lässt, prangt bei Bridgewater ein großes Herz fürs Entertainment.

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