US-Rapper Drake in Festhalle

Ohne verbale Abrissbirne

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Die Bühnenshow gleicht einem Gesamtkunstwerk.

Frankfurt - Handküsse, Freundlichkeiten in Serie und sogar Sinnsuchen in Sachen Liebe, Freundschaft oder Familienglück - mit Superstar Drake stellt sich in der zur Sauna aufgeheizten Festhalle ein Gentleman-Rapper vor, der seine komplette Szene vom Kopf auf die Füße stellt. Von Peter Müller 

Mit einer grandiosen Bühnen-Show und klasse Songs, die weder Schwanzlängen-Gefasel noch „Bitch-Bashing“ oder anderes Potenzgeprotze zum Programm machen. Gut so, in all dem Testosteron-geschwängerten Krach der volltätowierten Gangsta-Rap-Allmächtigen war es höchste Zeit geworden für ein wenig akustische HipHop-Wellness.

Natürlich, „Drizzy“ Drake, der seit seinem Knaller-Hit „What’s My Name“ (2010, mit Barbados-Prinzessin Rihanna) und erst recht mit dem aktuellen Album „Nothing Was The Same“ am Gegenentwurf zum obligatorischen „Bad Guy“-Image werkelt, wird von seinen „Kollegen“ eher weniger Applaus für diese Performance einheimsen. Die schwerste Goldketten tragenden Gralswächter der reinen Ghetto-Lehre - von Jan Delay mal spöttisch HipHop-Nazis getauft - halten den eher geerdeten Kanadier ohnehin für ein larmoyantes Weichei.

12.000 Fans auf dem Euphoriegipfel

Und müssten Snoop Dogg und Co. erleben, wie er beim R’n’B-Herzschmerz „Hold On, We’re Going Home“ ein selig schmachtendes Girl aus dem Publikum anflirtet, um „die Dame“ per Handkuss wieder zu verabschieden - würde es den Ober-Machos wohl den Brilli aus der Goldzahnspange reißen. Drake dagegen zelebriert so eine Nummer ohne Sado-Gesten oder infantilen Sexismus. Und katapultiert 12.000 Fans auf den Euphoriegipfel. Es geht auch ohne verbale Abrissbirne und Chauvi-Gehabe.

Das 27-jährige „New Kid with the Crown“, das in Frankfurt eine üppige Setliste mit Schnellsprech-Streetrap wie „Versace“, „Worst Behavior“ oder das brachiale „HYFR (Hell Ya Fuckin´ Right)“ und klug gesampeltes R’n’B-/Soul-Material der Marke „Wu-Tang Forever“ oder „I’m On One“ abarbeitet, bleibt zweifelsfrei der untypischste Rapper der Szene. Seine immer wieder angezweifelte „Credibility“ rekrutiert sich nicht aus einer Vergangenheit als Drogendealer und Gangmitglied - er ist der erste global erfolgreiche HipHop-Star, der aus der Mittelschicht entstiegen ist. Das kann man ganz konkret an seinem Habitus, seinem Selbstbild, seinen Themen und seiner Entwicklung seit dem gernegroßen 2008-er Song „Successful“ ablesen.

Musikgrüße an die Offenbach-Post

Aubrey Drake Graham verhandelt inzwischen durchaus glaubhaft reale Ängste und Probleme seiner Generation. Dafür hat er sich eine Bühnenshow aushecken lassen, die schlicht großartige Atmosphären schafft Die Ingredienzen: Zwei riesige illuminierte, spiegelverkehrt aufgehängte Leuchtringe, die wie eine geöffnete XXL-Muschel über einer silbernen Rampe schweben; dazwischen eine monströse, gekrümmte Videowand, die auch 3D-Effekte kann. Verblüffende Laserspielereien, Nebelkanonen und überdimensionale Flammenwerfer tun ein Übriges, um aus der eigentlich kühl-sterilen Kulisse mit jeder Nummer ein neues, ziemlich heißes Gesamtkunstwerk zu zaubern. Als wäre das nun nicht schon visuelles Spektakel genug, fährt zur Konzertmitte auch noch ein mächtiges Stahl-Rondell von der Hallendecke - Laufsteg für ein 15-Minuten-Intermezzo, bei Drake über den Köpfen der Fans umherturnt, um quasi jeden einzeln zu grüßen.

Nun ja, man muss nicht jede Idee gut finden, aber die Drake-Songs, die in den besten Momenten an die kreativste Phase eines gewissen Prince erinnern, entschädigen für alles. Sein Sound gehört zum besten, was das Genre zu bieten hat.

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