Verdammt, er ist zurück

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„Es war so bequem, ein Idiot zu sein“: Aus der Schuldenfalle ist Matthias Reim raus und startet wieder durch. Von seinem Kultstatus hat er nichts eingebüßt.

Hallöchen, bin so 15 Minuten zu spät, nicht?“, sagt Matthias Reim zur Begrüßung. Dann reißt er sich ein Milka-Täfelchen auf. „Zucker“, erklärt der 53-jährige Sänger und lehnt sich auf der Couch im Konferenzraum der Frankfurter Jahrhunderthalle zurück. Dort tritt er am 26. April auf. Von Kathrin Rosendorff

Ein bisschen klingt er wie Alf. Die Haare des „Verdammt, ich lieb dich“-Sängers sind immer noch so blond und wild wie 1990 auf dem lebensgroßen Bravo-Starschnitt. Reim ist nicht besonders groß und hat kinderdünne Beinchen. „Aber einen Knackpo“, betont er. „Den hat mein Sohn Romeo von mir geerbt“, ergänzt er stolz. Romeo ist zweieinhalb. Und das jüngste von Reims fünf Kindern von vier Frauen. „Der wird die Frauen noch reißen“, ist sich Papa Reim sicher.

Bis dahin ist das noch Papas Job. Einen Promo-Termin nach dem nächsten hat der Kult-Sänger zu erledigen. Schließlich ist er zurück. Mit seinem neuem Album „Sieben Leben“ auf Deutschland-Tour. Und das 20 Jahre nach seinem Nummer-1-Hit „Verdammt, ich lieb dich“ und nach 22 Millionen Mark Schulden. Die hatte er, weil er seinem früheren Manager blind vertraute. „Es war so bequem, ein Idiot zu sein.“ Erfahren hatte er davon 2001. Und raus ist er, weil sein Bruder, ein reicher Banker, ihm geholfen hat. Mit einem Vergleich beim Insolvenzverfahren im vergangenen Juni. Das alles hat er in seiner gut verkauften Autobiografie „Verdammt, ich leb’ noch“ niedergeschrieben.

Sei zehn Jahren mit Bonnie Tyler befreundet

Auf seinem neuen Album singt er sogar mit Bonnie Tyler. Das Lied heißt: „Die wilden Tränen – Salty Rain.“ „Wir sind seit zehn Jahren gut befreundet, und mit ihrem Mann teile ich die Liebe für Motorboote.“

Matthias Reim ist ein Duz-Typ. „Hast du auf meiner Face book-Seite ,Gefällt mir’ angekreuzt? Mach mal gleich, ja?“, bittet er beim Interview. 6341 Facebook-Freunde hat er schon. Die meisten seiner Fan-Mädchen seien so Ende 20. Seine männlichen Jünger so zwischen 30 und 38, die also, die klein waren, als Matthias Reim groß war. Viele kaufen sich die Reim-Alben auch nachträglich: „Ich habe vor kurzem eine goldene Schallplatte gekriegt für mein Album ,Déjà vu’, das vor sieben Jahren rauskam.“ Plötzlich fängt es also an zu laufen, „und keiner weiß warum“. 1998 hatte er seinen Erfolgs-Tiefpunkt und spielte auf einem Fußballplatz „von irgendeinem Bezirksliga-Verein“ vor genau zwölf Leuten. Dann, 2002, hätten die Ostdeutschen ihn wiederentdeckt. „Im Osten bin ich größer als Michael Jackson. Der absolute Hirschkönig.“ Plötzlich waren dort die Hallen voll, das restliche Deutschland will er sich nun auch noch „zurückspielen“. Dabei hatte der junge Reim eine Schlagerkarriere gar nicht angestrebt.

„Als ich jung war, war Schlager hören absolut uncool. Meine Plattensammlung war nur Pink Floyd, Deep Purple und Black Sabbath“, erzählt Reim und lacht. Geboren ist er im nordhessischen Korbach, aufgewachsen in Homberg/ Efze. „Meine Stefan-Waggershausen-Platte habe ich auf Partys immer versteckt, damit keiner mitkriegt, dass ich so was geil finde.“ Gehört hat er sie dann aber allein, „wenn ich wieder mal einen Liebesbrief an eine Freundin in Frankreich geschrieben habe“.

„Wir haben ja auch eine schöne Sprache"

Mit der „Kiddie-Popmusik“ von Juli und Silbermond seien da wirklich „Gebirge ins Rollen“ gekommen. „Wir haben ja auch eine schöne Sprache. Udo Lindenberg macht das Deutsch-Singen seit 40 Jahren vor. Und wir haben auch so Phänomene wie Grönemeyer, wo keiner versteht, wovon der redet, und ihn trotzdem alle cool finden.“

Nur einmal singt Reim auf „Sieben Leben“ nicht Deutsch, sondern Spanisch. Und zwar bei „Du und ich – Junto a ti“. Seit zehn Jahren lebt Reim mit seiner Familie auf den Balearen, sechs davon schon in der Finca seines Bruders auf Mallorca. Reim fühlt sich aber „noch urdeutsch“. Der deutsche Schlager sei einfach nicht mehr peinlich. „Ich beschreibe oft die nicht so perfekte, emotionale Welt. Da finden sich viele Leute einfach wieder“, betont Reim.

Matthias Reim, Sieben Leben Tour, Dienstag, 26. April, 20 Uhr, Frankfurt, Jahrhunderthalle, Pfaffenwiese

„Die besten Songs kommen, wenn ich emotional irgendwo Alarm hab’, dann fließt das. Also wenn ich mit meiner Frau streite beispielsweise.“ Auch „Verdammt, ich lieb dich“ hat er aus Wut geschrieben. Aber nicht wegen eines Ehestreits. Es war am 25. November 1989. Reims 32. Geburtstag. Gerade hatte er erfahren, dass ein von ihm komponiertes Bernhard-Brink-Album abgelehnt worden war. Der Herr von der Plattenfirma begründete das so: „Diese ganze Schlagerkacke, wissen Sie, dieses ‚Ich liebe dich’ oder ‚Du liebst mich nicht’, verdammt. Das ist doch alles nichts mehr für einen Bernhard Brink.“ 20 Minuten brauchte der verärgerte Reim für den Text, eine Stunde für die Musik.

Seine Facebook-Freunde durften mitentscheiden, welche Musik auf Reims Tour nun gespielt wird. „Es gibt keinen Titel in der Halle, den nicht jeder mitsingen kann, ohne dass es einem unbedingt bewusst ist. Jeder kennt den Scheiß. Jeder.“

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