Abwärtstrend

Vermessung der Musikwelt

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Das Ende des Rock’n’Roll? Die Roboter-Band Compressorhead dürfte zu den Attraktionen der Musikmesse gehören, die heute für Fachbesucher öffnet.

Frankfurt - Es gibt Forschungsgebiete, auf die ist bisher einfach niemand gekommen: Musikgeografie zum Beispiel. Rechtzeitig zur Frankfurter Musikmesse liegt nun der „Musizieratlas Deutschland“ vor. Auch globale Trends kann man dort finden, etwa Dudelsäcke aus Pakistan.

In Brandenburg gibt es zwar die wenigsten Musiker - nicht einmal in jedem zehnten Haushalt wird ein Instrument gespielt. Dennoch wird in keinem Bundesland mehr Geld für Instrumente oder Ausrüstung ausgegeben: 437 Euro pro Jahr. Bundesweit wird immerhin in jedem sechsten Haushalt ein Musikinstrument gespielt. Allerdings gibt es ein Nord-Süd-Gefälle, wie aus dem „Musizieratlas Deutschland 2012/2013“ hervorgeht, der in Frankfurt vorgestellt wurde.

In Baden-Württemberg wird in jedem vierten Haushalt aktiv musiziert, nirgendwo sonst nehmen so viele Menschen privaten Unterricht (62 Prozent aller Musizierenden). Fast überall sind Tasteninstrumente am beliebtesten, auf Platz zwei folgt meist Gitarre. Erstaunlicherweise ist nicht Bayern die Domäne der Blasmusik, sondern Rheinland-Pfalz: 38 Prozent haben sich im Land mit den jüngsten Musikern (Durchschnitt unter 35 Jahre) für ein Blasinstrument entscheiden. Die musikalischsten Frauen gibt es in Berlin, 68 Prozent aller Musiker sind dort weiblich.

Für die musikalische Vermessung unseres Landes hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag der Society Of Music Merchants (SOMM) im Mai vergangenen Jahres 11 163 repräsentativ ausgewählte Bürger schriftlich befragt. Die Studie wurde vor Beginn der Frankfurter Musikmesse präsentiert, die heute beginnt und bis Samstag dauert.

Einer der Hingucker ist eine Band, die aus drei Robotern besteht. Compressorhead nennen sie sich: ein Schlagzeuger mit eiserner Irokesenfrisur, ein Gitarrist auf Panzerketten und ein Bassist mit Cowboystiefeln und Sonnenbrille. Ihre Arme werden durch Druckluft bewegt, die Musik kommt aus dem Computer. Ihre technischen Möglichkeiten sind übermenschlich: Der Drummer hat vier Arme, der Gitarrist 78 Finger.

Britisches Erbe: Dudelsäcke aus Pakistan sind ebenfalls in den Messehallen zu bestaunen.

Gebaut haben „Stickboy“, „Fingers“ und „Bones“ drei Kumpels, die zwei Hobbys teilen: „Wir mögen Rockmusik und wir bauen gern Maschinen“, erklärt Markus Kolb von der Berliner Firma Kernschrott Robots. Die Idee entstand, als sich eine echte Band gerade so richtig in die Wolle gekriegt hatte. „Ich dachte: Eine Band sollte nur spielen und nicht denken.“ Ein Erfolgsrezept. wie es scheint: „Wir kommen gerade von einer Tournee durch Australien zurück“, erklärt Frank Barnes, der den Schlagzeuger gebaut hat.

Während die Roboter-Band im Zelt des Gitarrenherstellers Gibson sicher die Massen anlocken wird, werden die meisten Besucher am Stand von Mohammad Javaid achtlos vorbeilaufen. Dudelsäcke gehören eher nicht zu den Publikumsmagneten. In Pakistan jedoch erfreut sich das Instrument, eingeführt durch die britischen Kolonialherren, größter Beliebtheit, wie der Inhaber der Firma Sanaullah versichert.

1930 begann sein Großvater in Sialkot Dudelsäcke zu bauen. Heute produziere man größere Stückzahlen als die meisten schottischen Hersteller, „70 bis 100 die Woche“, wie der Enkel versichert. „Wir exportieren auch nach Schottland.“ Über 10.000 Euro kostet das teuerste Instrument, für 100 Euro gibt es einen Anfänger-Dudelsack, den der Firmenchef persönlich vorführt.

Bilder von der Eröffnungsgala der Musikmesse

Frankfurt im Zeichen der Musik

In Deutschland schrumpft die Branche. Deutsche Hersteller hätten zunehmend Probleme, ihre Instrumente abzusetzen, im Handel würden kleine Länden von großen Vertriebsstrukturen verdrängt, berichtet Messechef Detlef Braun. Das spürt auch die Musikmesse: In diesem Jahr sind nur noch 1384 Aussteller aus 51 Ländern gekommen, 150 Aussteller weniger als im Jahresvergleich. Die Prolight+Sound hingegen wächst: 901 Aussteller aus 41 Ländern (plus 2,3 Prozent) zeigen Studio- und Veranstaltungstechnik, Licht- und Soundeffekte.

Von Sandra Trauner, dpa

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